Interview
„Wir lernen noch“

MM02-Chef Peter Erskine über die Zukunft des mobilen Multimedianetzes UMTS.

Peter Erskine ist seit einem Jahr Chef des britischen Mobilfunkunternehmens MMO2. Er kommt von der ehemaligen Muttergesellschaft BT, wo er zuletzt als Direktor BT Mobile tätig war. BT hatte im letzten Jahr, im Zuge eines umfangreichen Sanierungsplans für das hochverschuldete Unternehmen, das Mobilfunkgeschäft an die Börse gebracht.

Mr. Erskine, glauben Sie noch an einen Erfolg von UMTS?

Erste Anbieter ziehen sich zurück. Telefonica steigt mit Quam in Deutschland aus, Vodafone verschiebt den UMTS-Start auf nächstes Jahr, die Euphorie ist futsch. Bilder per Handy senden, E-Mails empfangen, das geht auch alles ohne UMTS. UMTS wird erfolgreich sein, denn am Ende geht es um maximalen Speed. Die Leute werden sich dafür begeistern, denn sie können ein Breitbandnetz immer und überall nutzen: im Auto, im Zug, bald vielleicht sogar im Flugzeug. Das bleibt trotz aller momentanen finanziellen Schwierigkeiten faszinierend. Niemand hat geglaubt, dass so viele Privatkunden einen schnellen Internetzugang mit DSL haben wollen.

Was muss passieren?

Zwei Dinge sind entscheidend für den Erfolg von UMTS: Die neuen Geräte müssen rechtzeitig da sein und funktionieren. Das wird kein Hersteller vor Mitte nächsten Jahres leisten können. Deshalb starten auch wir nicht vor dem Sommer 2003 mit UMTS.

Bisher überzeugen aber die angebotenen Dienste kaum.

Da haben Sie Recht, es müssen noch weitaus mehr nützliche Anwendungen her. Dass die Technik funktioniert, haben wir bereits auf der Isle of Man bewiesen, wo wir als einziger Netzbetreiber seit acht Monaten ein UMTS-Testnetz betreiben und Dienste testen. Wir lernen viel von diesem Projekt.

Haben Sie dort die Killerapplikation entdeckt, die hohe Nutzungsfrequenzen bringt?

Bisher nutzen die Testkunden besonders die E-Mail-Funktion. Doch denken Sie einmal darüber nach, wie viele E-Mails Sie auf Ihrem Computer empfangen, an denen eine Datei hängt. Mit UMTS können Sie solche angehängten Dateien auf Ihr Display holen. Der große Renner auf der Insel sind neben dem Surfen im Internet das Anschauen von Videoclips und natürlich Spiele.

Werden derartige Spielereien denn jemals die Investitionen in Milliardenhöhe einspielen?

Der Anteil mobiler Dienste am Umsatz liegt bei O2 in Deutschland schon jetzt bei 18 Prozent, bis 2004 sollen es 25 Prozent sein. Das sind zwar noch hauptsächlich Textnachrichten, aber dieser Bereich wird wachsen, das zeigt uns unsere Erfahrung auf der Isle of Man. Warten Sie ab, bis Sie erst Bilder mobil in Sekundenschnelle verschicken können und der jüngste Musikclip auf dem Handy läuft. Wir müssen nur die Nachfrage wecken, dann läuft das Geschäft.

Wie lange können Sie noch warten? Vor einem Jahr sagten Sie, wenn O2 in Deutschland bis Ende 2002 nicht profitabel ist, werden wir uns aus dem deutschen Markt zurückziehen. Gilt dieser Satz auch heute noch?

Wir werden es schaffen, bis Ende des Jahres ein positives Ergebnis zu erreichen. Schließlich haben wir das Geschäft hier in den letzten Monaten extrem verbessert. Die Kosten für die Kundenakquise sind von 228 Euro pro Kunde auf 154 Euro gesunken. Wir haben den Umsatz pro Kunde im letzten Quartal um vier Prozent erhöht und fast 200000 neue Kunden dazugewonnen. Der Verlust sank um die Hälfte auf 269 Millionen Euro. Das gibt Hoffnung.

Wie haben Sie die Kunden von der Konkurrenz zu O2 locken können?

Der Preis war nicht entscheidend, sondern das Produkt. Rund 80 Prozent der neuen Kunden haben sich für Genion entschieden. Damit telefonieren sie zu Hause mit dem Handy zu Preisen wie im Festnetz. Das gibt's nur bei uns, es bietet einen Mehrwert, den die anderen Anbieter nicht haben.

Ihren Börsenkurs hat diese Entwicklung nicht beeinflusst. Seit Anfang des Jahres hat das mm02-Papier mehr als 50 Prozent verloren.

Die Börse glaubt nicht an den Rettungsanker mobile Datendienste. Das Blatt wird sich auch an der Börse wenden, wenn wir unsere Verluste weiter reduzieren - und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in den übrigen Ländern. In Holland haben wir beispielsweise das Management unseres Mobilfunknetzes an Ericsson outgesourct. Zum 1. September werden 240 Mitarbeiter von O2 in Holland zu Ericsson wechseln. In Deutschland wollen wir unsere Kundenbasis von derzeit rund vier Millionen auf sieben Millionen ausbauen. Pro Jahr wollen wir hier ein Prozent Marktanteil auf bis zu zwölf Prozent zulegen. Unser Vorteil bei UMTS: Wir sind das einzige Unternehmen, das keinen horrenden Schuldenberg vor sich herträgt.

Werden nach Quam weitere Anbieter aus dem UMTS-Geschäft aussteigen?

Mit Sicherheit. Unsere neue Stärke hat die Situation für die übrigen Anbieter wie E-Plus und Mobilcom noch verschlechtert. Quam hat gezeigt, dass es unmöglich ist, als reiner UMTS-Anbieter zu überleben.

Wer wird überleben?

In Deutschland maximal vier, wahrscheinlich aber nur drei Anbieter. In Holland von derzeit fünf auch nur drei. Auch in Großbritannien werden von den fünf nur vier Anbieter am Markt bleiben.

Auch O2 fehlt es an kritischer Masse für ein profitables Geschäft. O2 in Deutschland gilt als Übernahmekandidat. Wäre es nicht einfacher, sich mit E-Plus zu verbünden?

Wir bauen das UMTS-Netz gemeinsam mit T-Mobile in Deutschland und Großbritannien auf, damit sparen wir zwei Milliarden Euro für den Netzaufbau. Solange wir den Shareholdervalue steigern können, bleiben wir in den Märkten Deutschland, Irland, Großbritannien und Holland aktiv. Natürlich werden wir jedes Fusionsangebot danach prüfen, ob es unseren Shareholdervalue verbessert und dann entscheiden, ob wir auf das Angebot eingehen oder nicht.

Interview: Anglela Hennersdorf

Quelle: WirtschaftsWoche

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