Interview zur Situation des Medienkonzerns
Kirch-Sanierer: „Im Kern gesund, aber missbraucht“

Der Sanierungsexperte Hans-Joachim Ziems und der Insolvenzverwalter Michael Jaffé über die Sanierung der Kirch-Media.
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DÜSSELDORF. Herr Ziems, Sie haben als Sanierer der insolventen Kirch Media einen der in Deutschland am meisten beachteten Jobs. Wie sieht zurzeit Ihr Tag aus?

Ziems: Der beginnt um acht Uhr gleich mit der ersten Sitzung mit den Geschäftsführern und endet selten vor 22 Uhr. Wir springen von einem Problemfall zum nächsten. Denn bei mehr als 100 Kirch Media-Beteiligungsgesellschaften geht die Außenwelt jetzt fälschlich davon aus, dass die sich ebenfalls in der Insolvenz befinden. Da muss zuvorderst die Leistungsfähigkeit sichergestellt werden. Zunächst dreht sich alles darum, die kurzfristige Liquidität sicherzustellen, damit ohne Unterbrechung weiter gearbeitet werden kann. Danach wird mit Unterstützung der Berater von Roland Berger das Restrukturierungskonzept für das Unternehmen erarbeitet.

Und das alles mit Herrn Jaffé im Schlepptau, der vom Amtsgericht München als Insolvenzverwalter eingesetzt worden ist.

Jaffe: Nein. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Interessen der Gläubiger in diesem Verfahren beachtet werden. Die Tagesgeschäfte verantworten Herr Ziems, Herr van Betteray und die im Amt befindlichen bisherigen Geschäftsführer weit gehend eigenständig. Bis zu einer Größenordnung von zwei Mill. Euro können sie bei gewöhnlichen Geschäften selbstständig handeln. Erst wenn es darüber geht oder wesentliche Teile der Kirch Media veräußert werden, muss ich meine Zustimmung geben. Meine Aufgabe ist es weiterhin auch, die Sanierungsverhandlungen mit Investoren und Gläubigern zu begleiten.

Herr Ziems, besitzen Sie und Herr van Betteray denn überhaupt ausreichende Erfahrung im Mediengeschäft?

Ziems: Das ist im Insolvenzverfahren nicht entscheidend. Uns steht ja das gesamte Know-how des bisherigen Kirch-Managements zur Verfügung. Das ist der Vorteil der Insolvenz in Eigenverantwortung. Und wissen Sie, woran Sie erkennen können, ob ein Unternehmen noch zu sanieren ist? Sie erkennen es daran, dass die guten Mitarbeiter noch da sind. Und das ist bei Kirch Media nach meiner Überzeugung der Fall. Die geben hier nicht auf. Die ziehen alle mit und arbeiten mit unglaublichem Elan. Teilweise mussten wir die Leute schon nach Hause schicken, sonst hätten die die Nacht durch geschuftet. Für mich offenbart sich hier ganz deutlich der Vorteil einer unternehmergeführten Gesellschaft: Die haben hier immer für Leo Kirch gearbeitet und arbeiten jetzt ebenso engagiert für das Unternehmen nach Leo Kirch.

Sind Sie denn sicher, Kirch Media wieder auf die Beine stellen zu können?

Ziems: Davon war ich nach unseren ersten Analysen im Februar sehr schnell überzeugt. Kirch Media hatte nur ein Liquiditätsproblem, das in erster Linie durch Schwesterfirmen verursacht wurde. Etwa Premiere: Der Bezahlsender hätte in diesem Jahr bei Kirch Media Filme im Wert von 820 Mill. Euro gekauft - aber mangels Geld keinen Cent dafür bezahlt. Kirch Media dagegen musste die Ware bei den US-Studios teuer einkaufen, weil das vertraglich so vereinbart war. Das jetzt beantragte Insolvenzverfahren gibt uns die Möglichkeit, uns rasch von solchen unvorteilhaften Verträgen zu trennen und die Unabhängigkeit der Kirch Media wieder herzustellen. Das ist ein im Kern gesundes Unternehmen, war aber im Konzern als Finanzpool missbraucht worden, der die gesamte Kirch-Gruppe finanzierte.

Die Gläubiger werden sich noch streiten, etwa über ihre Sicherheiten. Behindert das Ihre Sanierungsbemühungen?

Ziems: Vom Streit über Sicherheiten ist Kirch Media nur bei der Dresdner Bank betroffen. Die hat einen Kredit an unsere Dachholding Taurus über 460 Mill. Euro vergeben und sich als Sicherheit den Anteil an dem spanischen Sender Telecinco einräumen lassen, der hier bei uns liegt. Darüber sind andere Gläubigerbanken natürlich nicht sehr erfreut gewesen. Denn das ist in einer sehr späten Phase geschehen, als die gesamte Gruppe schon tief in Schwierigkeiten steckte.

Jaffe: Drittsicherheiten innerhalb eines Konzerns sind nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist nur der Zeitpunkt, an dem die Sicherheit gewährt wurde. Und dass die Zahl der Nullen bei der Summe spektakulär hoch ist. Die Frage einer Anfechtung wird geprüft.

Aber Sie können den Telecinco-Anteil jetzt nicht verwerten.

Ziems: Das stimmt. Wir blockieren uns da gegenseitig. Die Auseinandersetzung um diese Anteile mit der Dresdner Bank wird sicherlich eine der interessantesten Tätigkeiten von Herrn Jaffé.

Die Banken dürften sich aber auch über die wahren Verhältnisse bei der Kirch-Gruppe getäuscht haben.

Ziems: Sie haben nicht mit der anhaltend negativen Entwicklung bei Premiere gerechnet und ebenso nicht mit den Auswirkungen der Liquiditätsprobleme von Premiere auf Kirch Media.

Sind die Kredite an die Kirch-Gruppe denn ausschließlich nach kaufmännischen Gesichtspunkten vergeben worden - ohne politische Einflussnahme?

Ziems: Fragen Sie die Banken. Was Kirch Media betrifft, sind alle Kredite gut besichert. Meines Erachtens stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Banken einen großen Teil ihrer Kredite zurückerhalten.

Wie viel schulden Sie denn noch den US-Filmstudios?

Ziems: Die Studios haben Forderungen in etwa gleicher Höhe wie die Banken - nur sind sie nicht so gut besichert.

Haben sich einige Studios deshalb in den Verhandlungen quergelegt?

Ziems: Nein, kein Studio hat sich bei Gesprächen mit Kirch Media quergelegt. Auch nicht die Fox-Studios von Rupert Murdoch.

Jaffe: Die Studios sind an einer konstruktiven Lösung interessiert, denn die wollen auch in Zukunft Filme in den deutschen Markt verkaufen. Und da wird Kirch Media weiter eine wichtige Rolle spielen.

Wie viel müssen Sie denn auf der Kostenseite einsparen, damit eine künftige Kirch Media rentabel ist?

Ziems: Das Kerngeschäft von Kirch Media sind der Rechtehandel, die Senderfamilie Pro Sieben Sat 1 und die Filmproduktion. Das sind funktionierende Geschäfte. Wir prüfen, was im Einkauf wirklich nötig ist, um dieses Kerngeschäft zu betreiben. Wie viel wir sparen müssen, hängt davon ab, wer uns künftig Rechte abnimmt. Sicher ist nur: Wir kaufen künftig keine Filme mehr für Premiere ein. Die müssen nun selbst mit den Studios verhandeln.

Sparen Sie sich künftig auch einen eigenen Sender?

Ziems: Nein, einen Verkauf von Pro Sieben Sat 1 schließe ich aus.

Die Kirch-Gruppe ist ein schwer durchschaubares Geflecht. Wie viel des Umsatzes ist denn Innenumsatz, wie viel Außenumsatz?

Ziems: Es ist eine unserer Aufgaben, für Transparenz innerhalb der Kirch Media zu sorgen. Sie besteht, wie gesagt, immerhin aus mehr als 100 Beteiligungen. Zu Innenumsätzen möchten wir hier keine Zahlen nennen.

Müssen Sie nicht fürchten, dass im Insolvenzverfahren immer neue Belastungen auftauchen - wie die Put-Option von Thomas Haffa, dem Gründer und Exchef von EM.TV, über 90 Mill. Euro?

Ziems: Dieser Put ist jedenfalls nicht zwischen Butterbrotpapieren in irgendeinem Schreibtischschubladen hier im Hause aufgetaucht. Dieter Hahn, der Geschäftsführer der Taurus Holding, kam damit zu mir und sagte, dass die Verkaufsoption noch nicht verbucht sei. Er war davon ausgegangen, dass man sich mit Haffa hätte einigen können, sie nicht auszuüben.

Wer hat denn den Vertrag mit Thomas Haffa abgeschlossen?

Ziems: Herr Kirch.

Durfte er das? Ohne Rücksprache mit der Geschäftsführung von Kirch Media?

Ziems: Herr Kirch war alleinvertretungsberechtigt für alle Gesellschaften.

Was ist mit dem Darlehen über einen dreistelligen Millionenbetrag an Kirch-Sohn Thomas? Überraschte Sie der Kredit?

Ziems: Das wussten wir alles. Wir sind ja schon ein wenig länger hier. Das ist ein privates Darlehen. Anders als berichtet, stammt es aber keineswegs von Kirch Media, sondern von der KirchBeteiligungs GmbH. Deshalb trifft uns das nicht unmittelbar.

Und mittelbar?

Ziems: Letztlich sind alle Gesellschaften des Konzerns über Kirch Media finanziert worden. Wenn dieses Geld in anderen Konzernteilen benutzt worden ist, um Darlehen zu vergeben, haben wir innerhalb des Konzerns erhebliche Forderungen gegen Schwester-, Tochter- und sogar Muttergesellschaften. Dieses Geld wieder für Kirch Media hereinzuholen, ist eine unserer Aufgaben.

Das könnte schwierig werden, wenn weitere Insolvenzen im Kirch-Imperium folgen.

Ziems: Stimmt. Dann müssen wir uns womöglich hinten anstellen - wie andere Gläubiger auch.

Wann rechnen Sie mit weiteren Insolvenzanträgen?

Ziems: Da fragen Sie bitte bei den entsprechenden Geschäftsführern nach. Spekulieren möchte ich darüber nicht.

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