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Intolerante Menschen und Mobiltelefonierer

Warum ist es etwas anderes, wenn jemand in der Bahn telefoniert, als wenn er mit seinem Sitznachbarn plaudert?

Beide Male unterhalten sich Leute miteinander - nur dass ich beim Mobiltelefonierer nur die eine Seite mitanhöre und nicht die des anderen. Beide Male hört man sich Sätze oder Satzfetzen an, die einen mehr oder weniger interessieren. Ebenso wie Straßenlärm und andere Geräuschkulissen, - die sonst niemand anprangert.

Ich frage mich: Warum regen sich selbst aufgeklärte Mitmenschen auf, statt Toleranz oder Humor zu beweisen, wenn irgendwelche anderen Fahrgäste via Handy Alltagsbanalitäten mitteilen? Ich finde es merkwürdig, dass Leute in Bahnen und Bussen ausgerechnet gegenüber Mobil-Telefonierern so intolerant sind. Kaum klingelt das Handy eines anderen Fahrgasts hagelt es lautstarke Bemerkungen. Nimmt er das Gespräch gar an und plaudert drauf los, kommt weiterer Unmut bei den anderen auf. Und den äussern sie, gerade so, als wäre es ihr gutes Recht. Meine Vermutung: Die Leute sind nur neidisch. Sie sind es nicht, die angerufen werden, sondern jemand anderes. Vielleicht würden sie selbst einfach gerne begehrt.

Am Inhalt der Gespräche kann deren Zorn nicht liegen, denn allein schon das Klingeln ärgert andere Mitfahrer meist schon über die Massen. Dümmliche Unterhaltungen muss man sich zwangsläufig ohnehin an allen möglichen Orten anhören: in Warteschlangen, in Arzt-Wartezimmer oder eben in öffentlichen Vekehrsmitteln - an all diesen Plätzen gibt es keine Aus-Schalter wie beim Fernsehgerät.

Dem Münchner Verkehersverbund war dieses Thema sogar eine Umfrage wert, die mit Sicherheit auch Kosten verursacht hat: Diese ergab, dass sich 85 % der Fahrgäste von den Telefonierern gestört fühlen. Klar, dass in Münchens Bussen und Bahnen das Handy-Telefonieren jetzt auch verboten ist. Und dieses Verbot sollte - so mein Rat - vorsichtshalber strikt befolgt werden: Ein junger Mann, der zwar auf Aufforderung des Busfahrers das Telefonat beendete, aber nicht zur Strafe aussteigen wollte, wurde von ihm geschlagen - und verlor einen Zahn. In Süddeutschland spielte auch der Fall, genauer gesagt in einem Füssener Restaurant, dass ein Mobiltelefonierer von dem Wirt erst in diesem Jahr ins Gesicht geschlagen und gewürgt wurde.

Warum sich andere vom blossen Plaudern ihrer Mitmenschen so gestört fühlen, ist mir rational völlig unerklärlich. Ganz abgesehen davon, dass sich nie ein Beifahrer oder Passant so schnell und beherzt einmischt, wenn er Zeuge wird, wie jemand anderes geschlagen wird und wehrlos ist oder medizinische Hilfe braucht. Mein Kollege wurde neulich sogar mit einem Messer bedroht in der Bahn, als er angebimmelt wurde. Sein persönliches Fazit: In anderen Ländern wie in Japan oder Italien ist so eine Intoleranz gegenüber Handy-Nutzern undenkbar. Und das ist auch ein Argument. Ob man nächstens generell den Mund verboten bekommt in der Öffentlichkeit?

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