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Investieren 2002: Eine Frage der Qualität

Die Attentäter des 11. September haben sich in einem Punkt verkalkuliert: Den Finanzmärkten ging durch den Terror nicht die Luft aus. Sicher, einige Tage stockte ihnen der Atem. Danach setzten sie aber zu einem Spurt an, der die gut 1 500 Aktien des MSCI-Weltindex in zwei Monaten um 15 Prozent nach vorn brachte - das war die Wende nach dem langen Abstieg.

Die europäischen Papiere haben sich seitdem besser entwickelt als die amerikanischen. Dennoch spricht niemand von einer Abkopplung des alten Kontinents. Wenn es eine Lektion des Jahres 2001 gibt, dann die: Die Welt schaut auf Amerika. Europa schaut zu. Daran ändert die bald fühlbare Präsenz des Euros nur wenig.

Auch Europa selbst wertet andere Faktoren stärker als die eigene Währung. Der niedrigste Ölpreis seit Juni 1999, die Angst vor Deflation und zurückhaltenden Konsumenten, die niedrigsten Zinsen seit Jahrzehnten und immer wieder die Frage: Wie entwickelt sich die Wirtschaft auf der anderen Seite des großen Teichs? "Im nächsten Jahr schaut jeder darauf, wie die USA mit der Rezession fertig wird", glaubt Richard Kersley, europäischer Aktienstratege bei CSFB.

Analystenteams der großen Banken gehen in der Regel davon aus, dass sich die Weltwirtschaft spätestens ab dem zweiten Halbjahr 2002 aus dem Rezessions-Tal herausbewegt. Wie schnell, kann niemand sagen. Wohl aber, wer die besten Aussichten in Europa hat. Die Gewinner lassen sich in zwei Lager unterteilen: die Umstrukturierer und die Marktführer.

Die Umstrukturierer sind Unternehmen, die mit einer Krise fertig werden, sie gehen gestärkt daraus hervor. So findet sich die Deutsche Lufthansa zwar mitten in einem Überlebenskampf der gesamten Luftfahrt-Industrie, dennoch steht sie auf der Empfehlungsliste der Commerzbank. Die Analysten sehen das Preisziel der Aktie in den nächsten zwei Jahren bei 25 Euro oder mehr als zwei Drittel über dem jetzigen Niveau. Sie führen die breite Aufstellung an (LH Technik, Catering, führendes Mitglied der Star Alliance) und die konsequente Reduktion ihrer Kapazitäten. Gegenüber der Konkurrenz wird die Aktie zudem mit einem Abschlag bewertet.

Peugeot könnte von der Krise profitieren

Die Autoindustrie ist auch so ein Sorgenkind. Beobachter der Branche gehen von fallender Nachfrage im nächsten Jahr aus. Dennoch glaubt UBS Warburg, dass die Aktie von Peugeot gegenüber dem jetzigen Preis noch einmal um mehr als 15 Prozent auf 53 Euro steigen kann. Eine junge Produkt-Palette und die Integration der Plattformen von Peugeot mit Citroën sind für die Schweizer Bank die besten Voraussetzungen dafür. Dass Umstrukturierer auch ohne Krise gewinnen, wird nach Ansicht von UBS die Allianz AG beweisen. Deren Chancen durch eine Integration der Dresdner Bank AG und Gewinne aus dem veränderten Lebensversicherungs-Geschäft könnten den Münchener Konzern im nächsten Jahr bis auf 292 Euro (mehr als 13 Prozent über das jetzige Niveau) heben.

Die Marktführer: Die Unsicherheit auf der Welt führt zu einer neuen Einschätzung von Qualität: "Bislang gehörten die Zykliker zu den Siegern. Im nächsten Jahr schauen die Investoren langfristig nach guten Perspektiven", glaubt Kersley von CSFB.

In Lafarge finden mehrere Adressen (UBS, Commerzbank) gute Qualität. Die Analysten erfreuen sich an einer relativ geringen Abhängigkeit des französischen Baustoffkonzerns zum US-Markt. Die traditionelle Stärke von Lafarge liege eher in Frankreich, Spanien und Großbritannien und damit in den derzeit stärksten europäischen Volkswirtschaften. Auch die im Juli abgeschlossene Akquisition des britischen Konkurrenten Blue Circle mache Lafarge weniger anfällig für Krisen. Das Preisziel für das Papier liegt zwischen 120 und 140 Euro.

Dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems kommt dagegen nach Ansicht von CSFB gerade das Übergewicht in den USA (rund 30 Prozent des Geschäfts) zugute. Dazu kommen Aufträge des britischen Verteidigungsministeriums. Nicht zu übersehen ist: Das Thema "Rüstung" erhält durch den Krieg gegen den Terror neue Aktualität.

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