Investitionsneigung der deutschen Klein- und Mittelbetriebe nimmt ab
Mittelstand steckt im Stimmungstief

Das Herzstück der deutschen Wirtschaft schlägt Alarm. Den Mittelständlern steht wegen der langen Wirtschaftskrise das Wasser bis zum Hals. Die Firmen investieren deshalb immer weniger. Die Unternehmer blicken in eine düstere Zukunft. Allerdings versuchen viele, ohne Entlassungen auszukommen.

jojo MÜNCHEN. Helmut Rödl malt ein trauriges Bild: "Der Begriff grau in grau reicht nicht mehr aus, um die Lage des Mittelstands zu beschreiben", klagte der Creditreform-Chef gestern in München. In der Tat: Das Ergebnis der Herbstumfrage des Wirtschaftsinformationsdienstes unter 4 500 Mittelständlern ist eindeutig. Viele Firmen kämpfen derzeit ums nackte Überleben.

Die Stimmung der Unternehmer ist in den vergangenen Monaten tief in den Keller gerutscht: "Die pessimistischen Aussagen haben über alle Branchen hinweg zugenommen", betonte Rödl. Damit noch nicht genug: "Das Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft lässt von Jahr zu Jahr nach", so Rödl, "so wenig Investitionsneigung gab es noch nie."

Die Gründe liegen auf der Hand: In den meisten der befragten Firmen sinkt der Umsatz wegen der anhaltenden Wirtschaftsschwäche seit Monaten. Besserung ist nicht in Sicht, weil sich Preiserhöhungen momentan nicht durchsetzen lassen. Auch die Gewinne kommen unter Druck. Die Zahl der Firmen, die mit steigenden Profiten rechnet, hat sich laut Umfrage gegenüber dem Vorjahr halbiert.

Die Einschätzung der Firmenchefs deckt sich mit den Ergebnissen der Wirtschaftsforscher. So ist der Handelsblatt-Frühindikator im Oktober zum vierten Mal in Folge zurück gegangen. Experten sehen Deutschland schon am Rande einer Rezession. Vor allem am Bau und im Einzelhandel sieht es außerordentlich trüb aus.

Die größte Gefahr für den deutschen Mittelstand sieht Creditreform im Eigenkapitalmangel. In vier von zehn Unternehmen beträgt das Eigenkapital weniger als 10 % der Bilanzsumme. Rödl fordert deshalb, dass sich die wieder gewählte rot-grüne Bundesregierung verstärkt um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Eigenkapitalfinanzierung einsetzt.

Auch Fremdkapital ist für kleine Firmen schwer zu bekommen. Die selbst in Turbulenzen geratenen Banken sind immer seltener bereit, Kredite zu vergeben. Und die Börse scheidet zur Geldbeschaffung derzeit aus, weil der Kapitalmarkt am Boden liegt. Weder Aktienemissionen noch Anleihen lassen sich bei den Anlegern platzieren.

Damit noch nicht genug der Forderungen an das neue Kabinett von Bundeskanzler Schröder. Für fast alle Mittelständler ist die Senkung der Lohnnebenkosten ein wichtiger Faktor, um den Standort Deutschland wieder attraktiv zu machen. Und noch etwas bedrückt die Firmenbosse: Acht von zehn wünschen sich, dass Berlin die Unternehmenssteuern vereinfacht und senkt. Darüber hinaus steht eine Modernisierung des Arbeitsrechts ganz oben auf der Wunschliste der Firmen.

Am zufriedensten mit ihrem Standort sind noch die Bayern. Mehr als ein Drittel der befragten Firmen findet den Standort gut oder sehr gut. Miserable Noten dagegen für Sachsen-Anhalt. Kein einziges Unternehmen vergab für das Land die Noten gut oder sehr gut. Im Gegenteil: Fast drei Viertel halten die Bedingungen für miserabel.

Trotz der angespannten Wirtschaftslage haben die Unternehmer ihre Zuversicht noch nicht ganz verloren. So wollen die meisten Mittelständler in den kommenden Monaten keine Mitarbeiter entlassen. Lediglich ein Viertel der Firmen plant einen Stellenabbau, 7 % wollen sogar Beschäftigte einstellen. Vor Jahresfrist waren es allerdings noch 11 %. Die Beschäftigungspolitik des Mittelstands ist entscheidend für die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland: Rund 60 % aller Beschäftigten finden in kleinen und mittleren Gewerbebetrieben Brot und Lohn.

Quelle: Handelsblatt

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