Investitionsquoten in Argentinien und Brasilien zu gering
Südamerikas Aufschwung fehlt die Basis

"Erstmals seit Jahren erstellen wir für Lateinamerika normale Konjunkturanalysen und reden nicht ständig von Finanzschocks und Krisen", stellt der Lateinamerika-Experte Michael Gavin von der Investmentbank UBS-Warburg fest. Denn anders als noch vor einem Jahr, als es so aussah, als ob sich nach Argentinien gleich noch Brasilien in die Krise verabschieden würde, hat sich die Region heute wirtschaftlich stabilisiert.

SAO PAULO, BUENOS AIRES. Der Grund: Die Abkopplung von ausländischen Kapitalzuflüssen während der Krisenjahre erzwang einen schmerzhaften Anpassungsprozess. Die chronischen Leistungsbilanzdefizite sind geschrumpft. Der Nettofinanzbedarf der Region sank von über 80 Mrd. $ im Jahr 1998 auf 15 Mrd. $ (2002). Gleichzeitig erleben südamerikanische Anleihen und Aktien seit einigen Monaten ungeahnte Nachfrage.

"Die Frage ist jetzt, hält die Erholung an oder steuert die Region in eine neue Boomphase, die wieder durch einen Crash beendet wird?" fragt Gavin. Entscheidend für ein anhaltendes Wachstum sei, dass die Länder ihre Investitionen erhöhten ohne dabei wieder zu stark abhängig von ausländischen Kapitalmärkten zu werden.

In allen Volkswirtschaften in der Region haben sich die Investitionsraten seit 1998 reduziert. Der extremste Fall ist Argentinien. Der Investitionsboom der 90er Jahre erreichte seinen Höhepunkt 1998 mit Investitionen von 22 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Danach brachen die ausländischen Kapitalströme mit den Krisen in Asien, Russland und Brasilien abrupt weg - mit schwerwiegenden Folgen: "Argentinien war stärker als andere Länder Lateinamerikas auf Auslandskapital angewiesen", sagt Guillermo Calvo, Chefökonom der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IADB), "das Land exportierte wenig und war gleichzeitig stark in Dollar verschuldet." Die Folgen werden Argentiniens Wirtschaft noch lange belasten: Trotz der seit Mitte 2002 zu beobachtenden Erholung der Wirtschaft ist die Investitionsquote heute nur halb so groß wie 1998. Nur 2 Mrd. $ wollen Unternehmen dieses Jahr investieren in den Branchen Lebensmittel, Autoteile, Touristik und Landwirtschaft. Attraktiv sind exportorientierte Sektoren, die von niedrigen Löhnen profitieren. "Doch die Investitionen reichen nicht aus, um den Kapitalstock zu erhalten", klagt der argentinische Ökonom Miguel Angel Broda, "Argentinien konsumiert sein eigenes Kapital."

Das wird noch länger so bleiben: Die meisten Ökonomen erwarten, dass Argentinien in den nächsten Jahren bei den Investitionen weitgehend auf sich gestellt bleiben wird. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Argentinien dieses Jahr um 4 % wachsen wird, nach einem Einbruch von 11 % in 2002. Der Schlüssel zu einem schnelleren Wachstum liege vor allem darin, interne Ersparnisse in Investitionen umzuleiten, meint Alberto Ades von Goldman Sachs. Denn die Sparquote stieg im Zuge der Krise auf etwa 22 % im Vergleich zu durchschnittlich 15 % vor der Krise.

Auch in Brasilien stehen die Investitionen derzeit im Mittelpunkt der Diskussion: Die strikte Hochzinspolitik der Regierung des Präsidenten Luíz Inácio Lula da Silva kommt immer stärker unter Beschuss, weil sie die Konjunktur abwürgt und damit auch die Investoren verschreckt. Bei der staatlichen Entwicklungsbank BNDES, die einzige Bank, die langfristige Kredite vergibt, registriert Präsident Carlos Lessa erschrocken: "Wir haben kaum Anfragen für neue Kredite." Nach einer Untersuchung der Wirtschaftsuniversität Fundação Gétulio Vargas (FGV) ist die Investitionsrate auf 19 % gesunken, der niedrigste Stand seit 1992. Zwei Drittel der brasilianischen Unternehmen haben keine Investitionspläne. Am niedrigsten ist die Investitionsbereitschaft in der Automobilbranche und der Chemie.

"Um vier bis fünf Prozent im Jahr zu wachsen, wie es die Regierung Lula den Wählern versprochen hat, muss die Investitionsquote in ähnlicher Höhe steigen", stellen die Experten der FGV fest. Eine Zunahme der Sparquote ist unrealistisch. Deshalb wird Brasiliens Wachstum wieder von der Verfügbarkeit ausländischen Kapitals abhängig - mit dem bekannten Risiko: "Zufluss von Auslandskapital verschlechtert die Leistungsbilanz und erhöht wieder die externe Abhängigkeit Brasiliens", warnt Gavin von UBS, "das Land muss erst noch zeigen, dass es weniger verletzbar ist, wenn der Kapitalfluss unterbrochen wird."

Besser sieht es in den Andenländern Chile und Peru aus: Zwar haben auch diese Länder stark unter den Krisen gelitten und 5 % ihrer Investitionsquoten eingebüßt - doch nehmen diese wieder zu wie in Peru oder befinden sich weiterhin auf hohem Niveau wie in Chile (23 %).

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