Investmentbanken sehen zunehmend mehr Chancen am europäischen Aktienmarkt
Optimisten erhöhen die Aktienquote im Depot

Die aktuellen Empfehlungen namhafter Investmentbanken bestätigen den bisherigen Tenor: Defensive Sektoren wie Versorger und Pharma stehen oben auf den Empfehlungslisten. Banken-Titel sollen von weiteren Leitzinssenkungen profitieren. Zyklische Aktien könnten gegen Jahresende interessant werden, sagen Analysten.

HB FRANKFURT/M. Nicht nur der Bundeskanzler macht durch eine "Politik der ruhigen Hand" von sich reden - auch in den aktuellen Analysen namhafter Investmentbanken ist häufig von "Geduld" und "Abwarten" die Rede. Die Banken haben ihre Anlagestrategie nach den Terror-Anschlägen nicht geändert - sie haben schon vorher defensive Aktien empfohlen. Sprechen die Kursgewinne in dieser Woche an den europäischen Aktienmärkten dafür, dass es jetzt wieder bergauf geht?

Merrill-Lynch-Europa-Chefstratege Michael Hartnett ist skeptisch und bezeichnet die Lage als einen "Bärenmarkt", dem zweitschlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Die USA befinden sich aus Harnetts Sicht schon jetzt in einer Rezession, außerdem sei die politische Lage weiterhin angespannt. Harnett nennt vier Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor die Aktiemärkte wieder dauerhaft Tritt fassen könnten: Leitzinsen unterhalb dem Inflationsniveau, ein niedriger Ölpreis zwischen 20 und 25 US-Dollar, weiter sinkendes Konsumentenvertrauen in die Konjunktur und niedrigere Gewinnschätzungen der Analysten. Die beiden letzten Punkte laufen auf das psychologische Argument hinaus, dass die Kurse erst dann wieder steigen können, wenn die Stimmung der Investoren schlecht ist. Die US-Konsumenten, die 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes ausgeben würden, spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Auch die Experten von Deutsche Bank Anlagestrategie Privatkunden, die für das dritte und vierte Quartal dieses Jahres in den USA mit negativen Wachstumsraten rechnen, sprechen von weiterhin großer "Unsicherheit" an den Aktiemärkten. Gegenüber August haben die Experten in ihrem Musterportfolio mit mittlerem Risikograd deswegen die Aktienquote auf 39 von 46 % gesenkt. Sie warnen zudem vor dem "übereiltem Verkauf bestehender Positionen um jeden Preis". Morgan Stanley, deren weltweit ausgerichtetes Musterportfolio nicht speziell für Privatanleger konzipiert ist, setzt in erster Linie weiter auf Aktien. Credit Suisse First Boston hat sogar die Aktienquote auf 70 von 60 % erhöht.

Aktien von Banken gelten als Hoffnungsträger

Vorsichtig sehen auch die Branchen-Strategien für Europa aus: weiterhin empfiehlt auch Morgan Stanley defensive Versorger- und Pharma-Aktien. Allerdings haben die meisten Investoren bereits stark in diese Bereiche investiert. Für weiter Kursgewinne ist deswegen wohl nicht mehr viel Platz. In den USA dagegen setzt die Bank auf Wachstums-Aktien zu vernünftigen Preisen.

Merrill Lynchs weltweiter Chefstratege David Bowers deutet an, bis zum Jahresende die bisher noch defensive Ausrichtung zu Gunsten von konjunktur-zyklischen Aktien zu verändern. Wenn sich eine Erholung der Konjunktur abzeichne, empfehlen die Analysten von Morgan Stanley Anlegern in Europa Aktien aus den Bereichen Werbung, Luxus-Güter, Banken und der Informationstechnologie. In der aktuellen Situation ruhen die Anlagehoffnungen von Merrill Lynch auf dem Banken-Sektor. Kreditinstitute dürften von weiteren Leitzinssenkungen profitieren, nennt auch Credit Suisse First Boston ein Argument für den Kauf. Bisher hätten Investoren diesen Sektor eher vernachlässigt, sagt Hartnett. Royal Bank of Scotland, Barclays, Danske Bank und BNP sind Merrill Lynchs Favoriten.

Die Analysten von UBS Warburg machen auf einen positiven Nebeneffekt des niedrigen Kursniveaus aufmerksam: Die Chance auf eine höhere Dividendenrendite. BASF und Deutsche Post würden über die kommenden fünf Jahre stabile Dividenden garantieren. Gerade bei Vorzugsaktien, wie beispielsweise von MAN und VW, die mit einem beachtlichen Abschlag gegenüber den Stammaktien notierten, betrage die Dividendenrendite im Einzelfall bis zu 5 % jährlich, heißt es bei UBS Warburg. Damit treten Aktien in Konkurrenz zu festverzinslichen Anleihen.

Auch bei der Gewichtung der einzelnen Länder hat sich nicht viel getan. Morgan Stanley rät zu einer neutralen Position gegenüber USA, ist untergewichtet in Europa und den "entwickelten asiatischen Staaten ohne Japan". Favorisiert werden die Emerging Markets und Japan.

Merrill Lynchs weltweiter Chefstratege David Bowers kündigt für die nächsten Monate eine mögliche Veränderung an. Noch stehen für Merrill Lynch aber schon seit April die USA, gefolgt von Großbritannien an erster Stelle. Der europäische Aktienmarkt spielt bisher nur eine untergeordnete Rolle. "Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen nicht ausreichend stark gesenkt", kritisiert Bowers. Außerdem seien Investoren lange zu optimistisch gewesen, dass Europa von einer Rezession weniger stark betroffen sei.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%