Investmentidee
Milliarden mit Leerverkäufen

Noch niemals zuvor haben Investoren so viel Geld mit Leerverkäufen am Aktienmarkt verdient wie im Juli dieses Jahres. Groß abgeräumt hat etwa die Investorenlegende Jim Rogers. Die tägliche Investmentidee auf Handelsblatt.com.

FRANKFURT. Investoren und Vermögensverwalter wie William Ackman und Investorenlegende Jim Rogers haben im Juli mindestens 1,4 Mrd. Dollar mit Leerverkäufen gemacht - so etwa mit den heftig eingebrochenen Aktien der beiden strauchelnden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae and Freddie Mac - wie aus Bloomberg-Daten hervor geht. Andere Investoren waren Harbinger Capital Partners, die 665 Mill. Dollar auf weitere Kursverluste bei der Hypothekenbank HBOS Plc gesetzt hatten. Auch für den brasilianischen Hedgefonds-Manager Francisco Meirelles de Andrade hat es sich gelohnt, beim Minenkonzern Cia. Vale do Rio Doce "short" zu sein.

Derzeit sind Aktien im Wert von mehr als 1,4 Billionen Dollar ausgeliehen mit dem Ziel, sie zu niedrigeren Kursen zurückzukaufen. Das Volumen liegt rund ein Drittel höher als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Das hat der auf Futures- Märkte spezialisierte Dienstleister Spitalfields Advisors in London berechnet. Auch in Europa hat es sich gelohnt, auf die kräftig nachgebenden Kurse zu setzen. So hat der Euro Stoxx 50 Short Index im ersten Halbjahr 2008 um 29 Prozent zugelegt, was der besten Wertentwicklung seit 1992 entsprach. Zugleich war der Euro Stoxx 50 mit 24 Prozent so schwach in das Jahr gestartet wie noch niemals zuvor.

Die Quote der Leerverkäufe an der New York Stock Exchange war im abgelaufenen Monat mit 4,6 Prozent der gesamten Aktienverkäufe auf den höchsten Stand seit mindestens 1931 gestiegen, wie aus Daten der Vermögensverwaltung Bespoke Investment Group LLC aus Harrison im US-Bundesstaat New York hervor geht.

Nach Meinung von James Angel, einem Wirtschaftsprofessor der Washingtoner Georgetown Universität und ausgewiesenen Spezialisten für Futures-Märkte, ist nahezu das gesamte Volumen der geliehenen Aktien in Shortpositionen investiert - das heißt, die Investoren setzen inzwischen massiv auf weiter fallende Märkte. Nahezu alle wichtigen Börsen in den entwickelten Ländern, die Aktien zum Weltindex MSCI World Index beisteuern, hatten zuletzt per Definition einen Bärenmarkt erreicht.

Verluste bei Banken im dreistelligen Milliardenbereich, eine nachgebende Weltkonjunktur und nicht zuletzt eine Flut neuer, auf Leerverkäufe spezialisierter Fonds, gelten als Gründe für den Boom bei Anlageformen, die bei fallenden Märkten Rendite generieren. "Es sind mittlerweile große Mengen Kapital, die hierher fließen", sagt Peter Hahn, ein Analyst bei der Cass Business School und früherer Manager bei Citigroup Inc. Shortpositionen hätten inzwischen einen langen Weg hinter sich. "Sie werden langsam zum Mainstream und Aktienkäufer müssen einsehen, dass short-gehen nicht gleich automatisch negativ ist", sagt er.

Kritiker wie etwa Roger Lawson von der britischen Aktionärsvereinigung befürchten, dass der Markt zunehmend "ein Markt für Spekulanten statt für Investoren" wird: "Mit diesen Marktmanövern werden fette Gewinne erzielt. Wenn die Praxis nicht limitiert wird, kann es schnell zur Marktmanipulation werden", sagt er. Die Regulierungsbehörden in den USA und in Großbritannien setzen zunehmend auf eine restriktivere Handhabung von Leerverkäufen. Es wird befürchtet, dass die Praxis bei nachgebenden Märkten einen unerwünschten Verstärkungseffekt auslösen könnte.

Hingegen öffnen sich Schwellenländer wie Indien und Indonesien verstärkt für diese Praxis. "Shortseller sind doch ein wichtiger Teil des Ökosystems an den Märkten", sagt Wirtschaftsprofessor Angel, "ebenso wie Raubtiere in der Natur die schwachen und kranken Tiere einer Herde aussortieren, werden Shortseller jene Aktien aussuchen, bei denen es berechtigte Zweifel an der Bewertung gibt", sagt er.

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