Investmentidee
Schwache zeigen Muskeln

Am Zertifikatemarkt ist die Welt auf den Kopf gestellt. Produkte von Banken mit niedriger Bonität verkaufen sich besser als solche von Institutionen mit solider Kreditqualität. Der Grund: Zertifikate sind Schuldverschreibungen der emittierenden Banken und sind damit den gleichen Markteinflüssen unterworfen wie traditionelle Anleihen. Die tägliche Investmentidee auf Handelsblatt.com.

FRANKFURT. Dass Schwächlinge unter den Zertifikate-Emittenten jetzt ihre Muskeln spielen lassen, beruht auf dem Fakt, dass Schuldner mit niedriger Bonität höhere Zinsen zahlen als Schuldner mit höherer Kreditwürdigkeit. "Das ist paradox", sagt Serge Demoliere, der im Vorstand der Landesbank Berlin für diesen Bereich zuständig ist. Bonitätsschwache Emittenten gewinnen zu Lasten der Banken mit höherer Kreditqualität demgemäß Marktanteile, indem sie Anleger dafür entlohnen, dass diese ein höheres Ausfallrisiko in Kauf nehmen. Beispiel: Eine fünfjährige Daimler-Anleihe wirft eine um weit mehr als 100 Basispunkte höhere Rendite ab als deutsche Staatsanleihen mit gleicher Laufzeit.

Da die meisten Zertifikate keine Zinsen abwerfen, sondern eine fixe Auszahlung am Ende der Laufzeit vorsehen, wird bei diesen Produkten das höhere Bonitätsrisiko von Emittenten über einen günstigeren Preis für das Zertifikat belohnt. Dort, wo strukturierte Produkte eine Zinsvariante enthalten, geben bonitätsschwächere Emittenten ihre im Vergleich zur Konkurrenz höheren Refinanzierungskosten an Anleger weiter.

Die Schuldnerbonität stand am Markt für strukturierte Produkte und Zertifikate bisher wenig im Fokus. "Das hat sich geändert" sagt Grégoire Toublanc, Leiter des Bereichs Retail Derivate bei BNP Paribas in Frankfurt. Banken, die im Zuge der Finanzkrise wegen der schlechteren Bonität mit deutlich höherem Ausfallrisiko gehandelt werden, nutzen seit kurzem die für sie schlechteren Refinanzierungskonditionen, um Zertifikate günstiger anzubieten als die Konkurrenz, die sich an den Märkten zu niedrigeren Zinsen refinanziert.

"Wir können mit unseren Konditionen bei vielen Produkten nicht mehr mithalten", sagt Stefan Armbruster von der Deutschen Bank, so dass die von der Schuldnerqualität eigentlich schlechtere Konkurrenz dem Marktführer den Rang abläuft. "Vor allem bei speziellen Zertifikate-Konstruktionen ist das gut zu sehen", ergänzt Toublanc. "Hier spielen nämlich andere für den Preis relevante Faktoren wie die Volatilität keine Rolle mehr." Bei Dax-Discount-Zertifikaten mit Cap (Untergrenze) bei 2 000 Punkten könne der Renditeunterschied zwischen den Emittenten am deutschen Zertifikatemarkt bis zu ein Prozent betragen. "Das ist viel für ein Produkt, das auf Seiten der Anleger im Prinzip als Geldmarkt-Ersatz eingesetzt wird", sagt Toublanc.

Experten ziehen folgenden Schluss: Anleger seien sich des Ausfallrisikos von Emittenten kaum bewusst und suchten lediglich den für sie günstigsten Preis. "Wer einen 2 000er Dax Discounter oder ein Garantiezertifikat kauft, sucht doch eigentlich eine sichere Anlage", heißt es. Dementsprechend unlogisch ist es, wenn Investoren dann Produkte eines "riskanteren" Emittenten wählen. "Das Thema Bonität hat einen immensen Aufklärungsschub erhalten, ist aber wohl noch nicht bei allen Anlegerschichten angekommen", sagen Toublanc und Armbruster.

Für Anleger, die auch künftig ruhig schlafen wollen, erscheint es ratsam, auf bonitätsstarke Emittenten zu setzen. Zudem gilt: Investoren, die der Überzeugung sind, ein risikoreicher Emittent werde nicht ausfallen, kann gleich eine klassische Anleihe des Emittenten erwerben. Da bekommt er oft eine um bis zu 200 Basispunkte höhere Rendite als beim Garantiezertifikat.

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