Investmentstile: Wachstumaktien profitieren in positiven Börsenphasen
Glanz der Value-Titel kann schnell verblassen

Wer auf günstig bewertete Substanz-Aktien setzte, hat im Börsensturz der vergangenen anderthalb Jahre kaum Einbußen erlitten. Darum liegen Value-Aktien derzeit im Trend. Doch wenn die Konjunktur sich erholt, dürften erneut die Wachstums-Titel die Führung übernehmen. Anlageprofis empfehlen daher eine ausgewogene Strategie.

DÜSSELDORF. Der Kölner Vermögensverwalter Eckhard Sauren könnte mehr Geschäft machen - aber er will nicht. "Die Leute interessieren sich im Moment stark für Value-Anlagen", sagt er, "doch wir ändern deshalb nicht unseren Anlagestil". Der Chef der Sauren Fonds-Service AG und Manager mehrerer Dachfonds mag dem Value-Trend nicht folgen. Ein breit gestreutes Depot müsse stets mehrere Investmentstile berücksichtigen, betont, Sauren, der in seinen Fonds eher einen leichten "Growth"-Schwerpunkt fährt.

Dass "Value"-Aktien - also niedrig bewertete Substanz-Titel - derzeit gefragt sind, verwundert kaum: Seit dem Platzen der Hightech-Spekulationsblase im Frühjahr 2000 waren diese Werte relativ erfolgreich (Grafik). Im gleichen Zeitraum erlitten so genannte "Growth"-Investoren, die auf schnell wachsende Unternehmen setzen, verheerende Verluste. Klar, dass auch Value-Fonds in den meisten Ranglisten vorn liegen. Spezialisierte Gesellschaften wie Templeton feuern den Boom durch Anzeigenkampagnen an. Allerdings hinkten Value-Aktien und-Fonds dem Markt während des New- Economy-Fiebers weit hinterher. Damals schien "Growth" als allein selig machendes Anlagekonzept.

Das Blatt könnte sich bald erneut wenden, warnt Bernd Meyer, bei der Deutschen Bank zuständig für die europaweite Anlagestrategie. Er hat seine skeptische Haltung gegenüber typischen Wachstumsbranchen jüngst leicht revidiert und empfiehlt eine ausgewogene Strategie.

"Es ist schon sehr spät, um auf den Value-Zug noch aufzuspringen", sagt Meyer, der auf zyklische Branchen setzt. Dort seien die Aktien noch billiger als in defensiven Branchen wie Lebensmittel und Pharma. Als Value-Favoriten nennt Meyer den Rohstoffriesen Rio Tinto, den Öl- und Gaskonzern ENI und den Papierhersteller Svenska Cellulosa. Gleichzeitig sollten Anleger aber auch einige stabile Growth-Titel halten, rät der Stratege. Er favorisiert den Handyhersteller Nokia, den Halbleiter- Spezialisten ST Microelectronics und - mit Vorbehalt - den Softwarekonzern SAP.

KGV als Maßstab

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Value" bedeutet so viel wie Wert, Substanz. Value-Aktien zeichnen sich durch ihre niedrige Bewertung im Vergleich zum Gesamtmarkt aus. Als Maßstab verwenden Finanzexperten oft das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder das Verhältnis von Kurs zu Buchwert. Auch eine hohe Dividendenrendite deutet auf "Value" hin. "Growth" (= Wachstum) gilt als Gegenpol zu "Value". Growth-Unternehmen weisen ein hohes Wachstum beim Umsatz und Gewinn aus. Meist sind solche Firmen vom KGV oder vom Kurs-Buchwert- Verhältnis her höher bewertet. "Investoren sind bereit, für überdurchschnittliches Wachstum mehr zu zahlen", erklärt Deutsche-Bank-Stratege Meyer.

Typischerweise steigen Growth-Aktien in einem optimistischen Börsenumfeld stark. "Wenn die Konjunktur gut läuft, dann profitieren wachstumsstarke Unternehmen besonders", sagt Dachfondsmanager Sauren. Traditionelle Bewertungsmaßstäbe geraten in solchen Phasen oft in den Hintergrund - so auch in der Hightech-Hausse. Dagegen erweisen sich Value-Aktien als Gewinner im Abwärtstrend. "Wenn Zweifel an der Konjunktur aufkommen, achten Anleger verstärkt auf Substanz, etwa in Form von Immobilien- oder Anlagenbesitz", sagt Sauren. Dann rücken plötzlich günstig bewertete Titel in den Fokus.

Die nächste Konjunkturerholung kommt bestimmt

Dass das wirtschaftliche Umfeld sich in den nächsten Monaten weiter verdunkeln dürfte, darüber herrscht Einigkeit unter den meisten Experten. Unklar ist aber, ob die Value-Aktien schon so weit gestiegen sind, dass sie kaum noch Potenzial haben. Denn irgendwann wird sich die Konjunktur wieder erholen. Und dann dürften die Value-Titel erneut weit hinter ihre Growth-Rivalen zurückfallen.

Nach mehr als 15 Jahren bringen beide Investmentstile fast gleiche Renditen, errechneten die Fondsexperten von Lipper. Kurzfristig orientierte Anleger riskieren, genau im falschen Moment auf den Value-Zug aufzuspringen. Laut einer Studie der US-Investmentbank Merrill Lynch erwartet eine knappe Mehrheit der europäischen Fondsmanager, dass Value-Strategien in den nächsten zwölf Monaten den Growth-Ansatz schlagen. Damit kippte die Stimmung erstmals seit Anfang 2000 zu Gunsten des Value-Konzepts. Gerade dies könnte jedoch als Kontra-Indikator gegen Value sprechen. Denn wenn die Mehrheit einem Trend folgt, ist es an der Börse oft schon zu spät.

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