Investor Börse
Fehlschüsse bei Aktienanleihen können schmerzlich sein

Viele Treffer Bisher haben die meisten Aktienanleihen ihren Anlegern trotz der erheblichen Risiken Freude gemacht. Doch Fehlschüsse können schmerzlich sein.

HANDELSBLATT Seit einigen Jahren brodelt es in der Finanzwelt wie in einem Hexenkessel. Auf der Suche nach attraktiven Anlageprodukten setzen die Banken immer neue Mischungen an, um aus den Bestandteilen traditioneller Wertpapiere innovative Finanzinstrumente hervor zu zaubern. Was dabei herauskommt, nennen Insider strukturierte Produkte, und zu diesen zählt auch die Aktienanleihe.

Wie eine herkömmliche Anleihe ist sie mit fester Verzinsung und Laufzeit ausgestattet. Ihre Wertentwicklung ist jedoch eng an die ihr zu Grunde liegende Aktie gebunden. Was das konkret bedeutet, merkt der Anleger spätestens bei der Anleihenrückzahlung. Denn nur wenn die betreffende Aktie am Bewertungsstichtag über dem vorab festgelegten Basispreis notiert, wird die Anleihe in Geld getilgt. Andernfalls erhält der Anleger die Aktien und trägt damit deren Verluste. Honoriert wird dieses Risiko durch hohe Zinskupons. Sätze von zehn, 15 oder 20 Prozent sind keine Seltenheit.

Um das optimale Ergebnis - Zinsen plus Geldrückzahlung - zu erzielen, sollte sich die Aktie seitwärts oder aufwärts bewegen. "Idealerweise sollten Anleger davon ausgehen, dass die Aktie keine großen Ausschläge nach oben oder unten macht und sich mäßig bis freundlich entwickelt", sagt Anja Mühlhäuser aus der Abteilung Financial Engineering der BHF-Bank. Denn wer große Kursgewinne erwartet, kauft besser die Aktie selbst.

Puristen mögen das Zwitterprodukt nicht. Doch am Markt ist die Aktienanleihe längst etabliert. Als im Sommer 1998 die ersten dieser Papiere an die Börse kamen, konnte man sie noch an einer Hand abzählen. Heute sind rund 430 Titel im Umlauf. Und alle führenden Bankhäuser, die Aktienanleihen ausgeben, wollen ihre Produktpalette auf Grund der starken Nachfrage weiter ausbauen. "Die Anleger haben die Aktienanleihe angenommen. Sie hat sich von einem Nischen- zu einem Standardprodukt entwickelt, das vom Volumen her ein riesiges Marktsegment darstellt", sagt Michael Hartweg, Produktentwickler bei der Commerzbank im Bereich Aktienderivate.

Ausschlaggebend für diesen Erfolg dürften nicht zuletzt die bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Finanzinstrument sein. Da Aktienanleihen in der Regel nur eine Laufzeit von ein bis zwei Jahren aufweisen, hat die Bewährungsprobe schon stattgefunden - und gilt als bestanden. Bei rund 70 Prozent aller Titel, so die Analyse der Finanzexperten, ging das Engagement positiv aus. Das heißt, die Anleger konnten sich nicht nur über den hohen Kupon, sondern auch über eine Geldrückzahlung freuen. Bei den übrigen erfolgte die Tilgung in Aktien, was jedoch nicht zwangsläufig ein Minusgeschäft bedeuten muss. Denn fällt der Aktienkurs nur moderat unter den Basispreis, so wird der dadurch erzielte Rückzahlungsverlust oft durch den hohen Zinskupon aufgewogen.

Anders sieht es jedoch bei einem drastischen Kursverfall aus. Hier bleibt dem Anleger nur der Trost, dass ein direkter Kauf der Aktie noch größere Verluste gebracht hätte - sowie die Hoffnung auf eine baldige Kurserholung. In einigen Fällen ist dies tatsächlich eingetreten. In anderen aber blieben die Anleger auf den Kursverlusten sitzen. Und das nicht nur bei risikoreichen Neue-Markt-Werten, sondern auch bei Standardtiteln. So zählt zum Beispiel der frühere Publikumsliebling Daimler-Chrysler zu den größten Verlustbringern in diesem Jahr. Gleich drei Aktienanleihen auf den Stuttgarter Autokonzern platzten bei Sal. Oppenheim, bei der Commerzbank waren es sogar fünf. Trotz des hohen Kupons entstanden so Anlageverluste von bis zu 15 Prozent des eingesetzten Kapitals. Eine Perspektive auf Kurserholung ist bis heute nicht in Sicht.

Derartige Verlustszenarien könnten sich noch häufen. Die andauernde Börsenschwäche drückt daher auch auf die Aktienanleihen. Bei vielen Anfang des Jahres ausgegebenen Papieren liegt der Aktienkurs mittlerweile deutlich unter dem Basispreis. Diese Anleihen notieren derzeit bei 70 oder 60 Prozent, wenn nicht sogar darunter.

Umgekehrt haben Anleger, die jetzt einsteigen, relativ gute Karten. Denn zum einen sind Aktienanleihen, die in den letzten Wochen emittiert wurden, auf Grund der schwächelnden Aktienkurse mit niedrigeren Basispreisen als ihre Vorläufer ausgestattet. Zum anderen können sie wegen der turbulenten Marktentwicklung höhere Kupons aufweisen. "Wer jetzt Aktienanleihen mit niedrigen Basispreisen kauft, kann mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, attraktive Zinsen und 100 Prozent des eingesetzten Kapitals zurückzuerhalten, zumal vieles dafür spricht, dass die Aktienwerte ihren Tiefstand erreicht haben", urteilt Christina Mägerlein, Derivatespezialistin bei Sal. Oppenheim.

Unter Rendite- und Risikogesichtspunkten sind dabei Einstiegskurse von 95 bis 99 Prozent am vorteilhaftesten. Trotz dieser freundlichen Perspektiven darf jedoch die Gefahr eines Anlageverlustes nicht außer Acht gelassen werden. Aktienanleihen sollten daher nur einen kleinen Teil des Portfolios ausmachen, wobei das Risiko durch mehrere Titel gestreut werden kann.

Und schließlich sollten Interessenten nicht wahllos zugreifen. Martin Weithofer, Leiter der strukturierten Produkte für Privatkunden bei der Hypo-Vereinsbank, empfiehlt: "Anleger sollten über Aktienerfahrung verfügen und von der jeweiligen Aktie überzeugt sein. Die wichtigste Frage lautet: Was traue ich der Aktie zu - und zwar nicht nur jetzt, sondern auch über einen Anlagehorizont von ein oder zwei Jahren".

WIE ES FUNKTIONIERT...

Eine Aktienanleihe verbindet eine Schuldverschreibung mit einer Put-Option auf eine Aktie. Der Käufer wird zum "Stillhalter": Er verkauft der Bank das Recht, die Anleihe in bestimmten Fällen in Aktien zu tilgen. Beispiel: Am 15. November 2000 hat die Hypo-Vereinsbank eine Aktienanleihe auf die Lufthansa AG in der Stückelung von 5 000 Euro ausgegeben. Der Basispreis liegt bei 25 Euro. Im Falle einer Aktientilgung werden 200 Lufthansa-Aktien geliefert. Übersteigt der Aktienkurs am Stichtag 25 Euro, so wird in Geld getilgt. Fällt der Kurs unter den Basispreis, so erhält der Anleger die 200 Aktien und erleidet einen Verlust. Exakt beim Basispreis sind beide Tilgungsvarianten rechnerisch gleich. Als Gegenleistung für das Risiko gibt es eine hohe Verzinsung, im Lufthansa-Beispiel 15 Prozent. "Viele Anleger schauen nur auf den Kupon", berichtet Michael Hartweg von der Commerzbank. "Dabei ist auch die Höhe des Basispreises ein sehr wichtiges Element." Denn mit einem hohen Basispreis steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Anleihe in Aktien getilgt wird. Zudem gilt: Hohe Zinsen kommen mit hohem Risiko daher. "Bei Zinsen von weit über 20 Prozent sollte sich eine natürliche Skepsis einstellen", sagt Martin Weithofer von der Hypo-Vereinsbank.

STEUERN

Wer sein Geld in Aktienanleihen anlegt, sollte auf die Steuern achten. Denn sofern der Sparerfreibetrag einschließlich Werbungskostenpauschale von 3 100 DM für Ledige bzw. 6 200 DM für Verheiratete ausgeschöpft ist, unterliegen die Zinseinkünfte dem Zinsabschlag von 30 Prozent plus 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag. Diese werden als Vorwegabzug von der Bank einbehalten und an das Finanzamt abgeführt. Anschließend erfolgt über die Einkommensteuererklärung eine nachträgliche Verrechnung der Steuerschuld. Kursgewinne, die während der einjährigen Spekulationsfrist erzielt werden, sind steuerpflichtig, wenn die Freigrenze von 999,99 DM überschritten wird. Häufig laufen Aktienanleihen etwas länger als ein Jahr. Der Kurs der Anleihe bewegt sich während dieser Zeit mit dem Aktienkurs. Ist der Wert der Aktie gesunken und notiert die Anleihe deshalb kurz vor Laufzeitende aber innerhalb der Einjahresfrist unter dem Einstandskurs, ist es ratsam, den Spekulationsverlust zu realisieren, um ihn mit anderen Spekulationsgewinnen zu verrechnen. Erfolgt die Tilgung der Anleihe in Aktien, so beginnt mit dem Tag der Wandlung die Spekulationsfrist für die Aktien wieder erneut zu laufen.

ERFOLGSBILANZ

Trotz aller Unkenrufe haben sich Aktienanleihen bislang erstaunlich gut behauptet, wie ein Blick auf die Statistiken von Sal. Oppenheim und der Commerzbank, den beiden größten Emittenten von Aktienanleihen zeigt. In manchen Fällen gab es sogar trotz Aktientilgung Gewinne - wenn der hohe Zins der Kursverluste mehr als aufwog. Ob sich die erfolgreiche Aktien-Anleihen-Statistik auch im nächsten Jahr fortschreiben lässt, ist jedoch ungewiss. Denn bei zahlreichen Papieren liegen die Aktienreferenzkurse momentan deutlich unter den Basispreisen. Dass die Commerzbank eine bessere Statistik hat als Oppenheim, liegt daran, dass sie stärker auf große Standardtitel setzt und sich am Neuen Markt zurückhält.

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