Investor
Substanz gesucht

Bei der Auswahl von Einzelwerten am Neuen Markt setzen Anlageprofis verstärkt auf Branchenführer - auch wenn sie hoch bewertet sind.

Grillfeste gibt es normalerweise an warmen Sommerabenden. Doch manche Leute lassen sich auch bei Nieselregen, Windböen und niedrigen Temperaturen nicht von solchen Veranstaltungen abhalten: Analysten, und Fondsmanager nehmen traditionell im November verstärkt Unternehmenschefs ins Verhör, um kurz vor Toresschluss am Jahresende Klarheit über mögliche Käufe und Verkäufe zu erhalten. "Gegrillt" werden zurzeit besonders die Vorstände von Unternehmen am Neuen Markt, denn das Börsensegment befindet sich nach diversen Skandalen und vielen Gewinnwarnungen in einer Umbruchphase. "Zurzeit trennt sich die Spreu vom Weizen", sagt Christian Zander, Fondsmanager der Investmentgesellschaft Metzler. Es zeige sich, welche Gesellschaften ihre Möglichkeiten richtig eingeschätzt haben. Unrealistische Wachstumserwartungen werden gnadenlos bestraft. "Anleger sollten sich die Unternehmen daher noch genauer anschauen: Kaufe ich nur ein Konzept, das gut klingt, oder steckt wirklich Potenzial dahinter?" Auch sein Kollege Raik Hoffmann, Fondsmanager bei DWS, glaubt nicht an eine breite Erholung aller Titel: "Wir setzen jetzt auf absolutes Stock-Picking". Bei der Auswahl von Einzelwerten pocht der Großanleger auf "Qualität, Qualität und nochmal Qualität". Gemeint ist damit ein stimmiger Geschäftsplan, langfristige Profite und solides Management. Gut gefallen ihm in diesem Zusammenhang Titel wie die Softwarehersteller Intershop und Broadvision sowie der Anlagenbauer Aixtron - Titel, die zurzeit häufig genannt werden.

Wurden noch vor eine paar Monaten teilweise abenteuerliche Konstruktionen herangezogen, um zu einer Unternehmensbewertung zu gelangen, setzen sich bei den Anlegern jetzt wieder klassische Kennzahlen durch. "Cash-Flow statt Klick-Rates", fordert etwa Fondsmanager Michael Pauli von der Bayerischen Landesbank. Unter Cash-Flow wird der aus eigener Kraft erwirtschaftete Überschuss der Einnahmen gegenüber den Ausgaben verstanden. Mit Klick-Rates messen viele Internetunternehmen den Besucherstrom auf ihren Seiten. Mangels vorhandener Gewinne werden manchmal viele Seitenaufrufe als Rechtfertigung einer hohen Börsenbewertung betrachtet.

Statt auf Internetwerte setzt Pauli zurzeit lieber auf Technolgie und Logistik. Zu seinen Favoriten zählen der Dienstleister IPC-Archtec und Thiel Logistik. Auch Filmwerte gefallen dem Investor gut. "Insgesamt gibt es hier wieder ein moderates Bewertungsniveau." Sein Favorit in der Medienbranche ist Internationalmedia.

Im Marktsegment der Internetwerte werden einige Unternehmen seiner Meinung nach in den kommenden Monaten nur mit einer Kapitalerhöhung weiter wirtschaften können. Generell warnt er davor, sich durch optisch billige Kurse dazu verleiten zu lassen, wahllos bei gefallenen Börsenstars zuzugreifen. "Da können noch böse Überraschungen dabei sein."

Bei Werten mit Substanz und interessanten Wachstumsperspektiven akzeptieren Investoren dagegen auch eine höhere Bewertung. "Für solide Unternehmen zahlt der Markt eben etwas mehr, das ist normal", sagt Pauli. Zwar lassen sich mit bereits hoch bewerteten Premiumaktien keine explosionsartigen Gewinne mehr erzielen, aber dafür droht auch nicht der schnelle Absturz. "Ein Wert wie Aixtron galt schon immer als ziemlich teuer, doch dafür erfüllt das Unternehmen auch die selbst gesteckten Ziele."

Dass dies am Neuen Markt keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte vor kurzem beispielsweise der Börsenneuling Girindus. Gerade einmal fünf Monate an der Börse, teilte das Biotechnologieunternehmen mit, dass das versprochene Umsatzziel mit 44 Millionen DM leider nicht ganz zu erreichen sei. Wegen "einer strategischen Umorientierung" erwarte man jetzt nur noch Erlöse in Höhe von 26 Millionen DM. Aus dem anvisierten ausgeglichenen Ergebnis wurde auch nichts: Stattdessen müssen Anleger fünf Millionen DM Verlust akzeptieren. Zwar erneuerten die Konsortialbanken HSBC Trinkaus & Burkhardt und Sal. Oppenheim brav ihre Kaufempfehlung, doch die Aktie stürzte um rund 40 Prozent ab.

Wer in dem aktuellen Marktumfeld die selbst geweckten Erwartungen nicht erfüllt, bezieht derzeit besonders heftige Prügel. "In der Haussephase hat man den Unternehmen alles geglaubt, umso größer ist jetzt die Skepsis", sagt Invesco-Fondsmanager Michael Fraikin. Bei Börsenneulingen sieht er seine Strategie bestätigt: "Wir sehen uns zwar fast jede Neuemission an, nehmen aber nur an rund 40 Prozent teil."

Anlegern die bereits investiert haben, rät Fraikin, nicht mechanisch zu verkaufen, wenn ein Unternehmen ein bestimmtes Kurslimit unterschreitet. Er plädiert für ein "fundamentales Stop-Loss": Anleger sollten sich von einem Wert trennen, sobald das persönliche Vertrauen in die Strategie und die Führung des Unternehmens nicht mehr gegeben sei. "Als zum Beispiel zwei Vorstände das Technologieunternehmen Artstor kurz nach dem Börsengang verlassen haben, sind wir sofort aus dem Wert ausgestiegen." Vertrauen hat er zu Unternehmen, die Marktführer sind und sich bislang gut entwickelt haben. Seine Strategie: "Auf die Sieger setzen". Zu den Favoriten zählen unter anderen Broadvision, der Produktionskontrolleur Parsytec, der Maschinenbauer Technotrans und der Dienstleister Teleplan. Sein Kollege Christian Zander von Metzler Investment setzt auf Aixtron, Adva, Qiagen und die Direkt Anlage Bank. Grundsätzlich betrachten viele Experten den Neuen Markt optimistisch. "Die Anleger sind durch die Pleiten und Skandale kritischer geworden", sagt Invesco-Experte Fraikin, "das kann dem Markt nur gut tun." Auch Zander glaubt: "Wenn die Börsenstimmung am Boden liegt, ist das das beste Zeichen für eine Trendumkehr." Und bei heiterem Börsenwetter sollten Investoren noch mehr Spaß an Grillfesten haben.

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