Investoren dürfen nicht jede Aktie kaufen
Chinesische Mauer trennt auch die Anleger

China will die strikten Kapitalverkehrskontrollen lockern. Dies könnte große Kapitalflüsse auslösen - mit Konsequenzen für die Aktienkurse in Hongkong, Schanghai und Shenzhen.

HONGKONG. Bislang verwehren strikte Kapitalverkehrskontrollen chinesischen Bürgern den Zugang zu Überseebörsen. Nun erwägt China eine Lockerung der Kontrollen. Erste Marktreaktionen verdeutlichen die Auswirkungen einer solchen Liberalisierung: Die Hoffnung auf eine Liquiditätsspritze ließ in Hongkong notierte China-Titel kräftig steigen. In Schanghai und Shenzhen brachen die Kurse dagegen ein. Nach Angaben von Chinas Zentralbankgouverneur ist Peking bereit, Chinesen in Hongkong notierte Aktien kaufen zu lassen, sobald "qualifizierte Finanzorganisationen" auf den Plan treten, die das Geld verwalten. "Was das Devisen- Management angeht, gibt es kein Problem", erklärte Dai Xianglong.

Chinas Währung ist nur für Handelszwecke konvertierbar; eine völlige Freigabe könnte eine Kapitalflucht auslösen, die das angeschlagene Finanzsystem schwer treffen würde. Peking spielt daher nur Szenarien durch, die Chinesen bei der Anlage ersparter Fremdwährung Freiraum verschaffen würden. Doch auch dabei geht es um erkleckliche Summen: Privathaushalte halten 81 Mrd. $ an Devisen, Unternehmen weitere 50 Mrd. $. Der Großteil der schnell wachsenden Beträge liegt auf Konten fest, die magere 1,25 % Zinsen abwerfen. Das lässt den Devisenschmuggel blühen: Auf illegalen Wegen flossen 2001 hunderte von Millionen Dollar "heißes Geld" aus der Volksrepublik an Hongkongs Börsen, so schätzen Analysten; das verhalf den dort notierten H-Aktien zu einer Kursrally. Gelingt es, die Kapitalflüsse in offizielle Kanäle zu lenken, wären sie leichter unter Kontrolle zu bringen.

Dai steht unter Druck, denn der Hunger der Chinesen nach Anlagealternativen ist enorm. Derzeit können sie ihre Yuan nur in die 1 000 lokal notierten A-Werte investieren; Dollar dürfen sie seit 2001 auch in 100 B-Aktien anlegen. Die enorme Nachfrage hat das durchschnittliche KGV der A-Werte auf 40 schnellen lassen, das der B-Werte liegt bei 20 - obwohl es sich bei vielen Unternehmen um marode Staatsbetriebe handelt und Insiderhandel und Kursmanipulationen an der Tagesordnung sind. Das Durchschnitts- KGV der 59 Hongkonger H-Aktien liegt unter 8. Dabei haben die meisten der Unternehmen einen besseren Ruf und der Markt ist viel besser reguliert.

Am krassesten sind die Bewertungsunterschiede bei den 29 H-Aktien, die gleichzeitig auch als A-Werte in Schanghai gehandelt werden. Chinesen würden z.B. eine Angang- Steel-Aktie viel lieber in Hongkong kaufen, zum Kurs von 0,16 $, den westliche Fondsmanager bezahlen. Legal können sie die Aktie aber nur in der Nachbarstadt Shenzhen erwerben - zum vierfachen Preis.

Als größte Hürde für eine Liberalisierung der Portfolioflüsse zwischen der Volksrepublik und deren Sonderverwaltungszone Hongkong gilt deshalb unter Börsenexperten die Korrektur, die das bei A- und B-Aktien auslösen dürfte. Beide Aktienklassen stehen ohnehin seit Monaten stark unter Druck; Anleger fürchten, der Staat könne sich von riesigen Aktienpaketen trennen, um den Aufbau eines Sozialsystems zu finanzieren. Doch vor dem im Herbst anstehenden, heiklen Führungswechsel kann sich die kommunistische Partei keinen Unmut in der Mittelschicht leisten. Für diese sind die Inlandsbörsen ein wichtiges Stimmungsbarometer.

"Bis zu einer endgültigen Zulassung von Devisen-Fonds wird es noch lange dauern", winkt deshalb Joe Zhang ab, China-Analyst bei UBS Warburg. Selbst wenn der Plan umgesetzt wird, glaubt Zhang nur an die Auflage geschlossener Fonds mit begrenzter Lebensdauer, mit deren Management Peking internationale Fondsgesellschaften betrauen werde. Andere Analysten glauben jedoch, die Fonds könnten bereits dieses Jahr Realität werden. Die Einsicht der Märkte, dass damit nicht in unmittelbarer Zukunft gerechnet werden kann, hat die jüngsten Kursgewinne der H-Aktien wieder verpuffen lassen.

Die "chinesische Mauer", die Chinas Anleger von den interessantesten Aktiengesellschaften trennt, dürfte zunächst an einer anderen Front brechen: Seit langem arbeitet die Regierung an der Freigabe so genannter China Depositary Receipts (CDRs). Mit ihrer Hilfe könnten Hongkonger Red-Chips wie China Mobile Aktien in Schanghai ausgeben. Angesichts der attraktiven KGVs kämen sie billig an Kapital, und Chinesen kämen zum ersten Mal legal an Aktien wie China Mobile. Analysten erwarten, dass die Freigabe von CDRs den Red-Chip-Kursen Auftrieb geben wird, weil die Unternehmen damit ihre Kapitalkosten drücken können. Viele rechnen damit, dass CDRs im Sommer genehmigt werden.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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