Investoren in der Holschuld
Kommentar: Armer, gutgläubiger Anleger

Die Deutsche Börse erweitert ihr Regelwerk für den Neuen Markt

DÜSSELDORF. Die Deutsche Börse hat vor Weihnachten noch ein kleines Geschenk im Sack: Mehr Transparenz am Neuen Markt, Falschmeldungen der Unternehmen werden sanktioniert - na, wenn das nicht auf der Wunschliste vieler Anleger stand. Beim Auspacken wird es aber enttäuschte Blicke geben. Zwar müssen Neue-Markt-Unternehmen jetzt standardisierte Quartalsberichte einreichen und nicht nur ihre GuV, aber für die Richtigkeit der Angaben bürgt die Börse nicht. Sie prüft die Angaben lediglich rechnerisch. Der Anleger kann also in Zukunft sehen, wie sich Anlage- und Umlaufvermögen zusammensetzen und wie hoch der Eigen- und Fremdanteil ist. Mit diesen Informationen alleine aber lässt sich keine Anlageentscheidung fällen. Der arme Aktionär kann immer noch nicht beurteilen, ob Gewinnprognosen mal eben erwürfelt worden sind oder der Vorstand die Umsätze von unterschiedlich bilanzierten Unternehmen zusammengezählt hat (wie bei EM-TV geschehen). Hier kauft der Anleger die Katze nach wie vor im Sack. Die Deutsche Börse ist hilflos: "Für die Richtigkeit der Daten sind die Wirtschaftsprüfer zuständig," sagte heute eine Sprecherin im Gespräch mit Handelsblatt.com.

Amerika hat es besser

Die Anlegerschützer wie SdK (Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre) und DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) finden wenigstens ein kleines Präsent in den neuen Regelungen: Vorstände und Aufsichtsräte müssen es melden, wenn sie größere Aktienpakete abgestoßen haben. Der Wermutstropfen an dieser Nachricht: Sie müssen es erst bekannt geben, wenn sie schon verkauft haben. Möglicherweise ist der Kurs dann aber schon in den Keller gefallen. Amerika hat es hier besser: Dort müssen die an der Nasdaq gelisteten Unternehmen solche Transaktionen vorher melden. Der DSW bezeichnet das neue Regelwerk daher auch nur als "erster Schritt in die richtige Richtung."

Anleger sind in der Holschuld

Aber reichen erste Schritte wirklich, nachdem der Neue Markt seit Jahresanfang auf fast ein Viertel seines Punktestandes gefallen ist? Der Anleger muß selber sehen wie er an Informationen kommt oder um es mit der Stimme der Deutschen Börse zu sagen: "Er ist in einer Holschuld." Damit wird klar: Die Deutsche Börse ist nicht der Weihnachtsmann für die Anleger. Und das erwartet auch keiner von ihr. Die Interessen der Aktionäre vertreten zahlreiche Institutionen und Vereine. Aber die Deutsche Börse hat als zahnloser Tiger trotzdem etwas zu verlieren: Ihren guten Ruf. Den behält sie nur, wenn sie hart durchgreift. Mit Abmahnungen und Geldstrafen bis zu 100 000 DM - für Unternehmen eine lächerliche Summe- verschafft sie sich nur den Ruf eines Miezekätzchen. Die Amerikaner dagegen scheuen sich sogar nicht, regelwidrige Unternehmen zu delisten. An der Nasdaq gab es voriges Jahr 596 Zugänge und 570 delistete Unternehmen. Sicherlich ist auch ein Delisting nicht im Interesse des Anlegers, aber es schreckt vielleicht die Unternehmen ab, ihre Publikationspflichten so zu vernachlässigen wie bisher. Aber vielleicht besteht für die Aktionäre ja die Change, im nächsten Jahr eine richtige Bescherung zu feiern. Denn mit dem geplanten 4. Finanzmarktförderungsgesetz kann der Gesetzgeber gegen Unternehmen vorgehen, die ihre ad-hoc-Meldungen missbrauchen. So wird der Anleger auch rechtzeitig informiert und kann noch handeln.

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