Investoren kapitulieren vor einer Flut von schlechten Nachrichten
Biotechs sind so billig wie seit Jahren nicht mehr

Über dem Biotech-Sektor hat sich in den vergangenen Monaten ein regelrechtes Unwetter aus schlechten Nachrichten, Skandalen und revidierten Prognosen zusammengebraut. Obwohl viele Werte inzwischen als drastisch unterbewertet gelten, fehlt Experten der Glaube an eine schnelle Wende.

HB FRANKFURT/M. Selbst erfahrene Beobachter tun sich schwer, das Geschehen zu begreifen. Vor zwei Jahren noch als Zukunftsindustrie des neuen Jahrhunderts gefeiert, erlebt der Biotech-Sektor an der Börse derzeit den wohl stärksten Einbruch in seiner 25-jährigen Geschichte. Sowohl in den USA als auch in Europa haben Unternehmen der Branche seit Jahresbeginn im Schnitt mehr als die Hälfte, seit dem Höhepunkt vor gut zwei Jahren fast 80 Prozent ihres Wertes verloren und sind damit auf das Bewertungsniveau von 1998 zurückgekehrt.

Viele Firmen, darunter auch deutsche Vertreter wie Medigene, Lion oder GPC werden inzwischen geringer bewertet als der Bestand ihrer liquiden Mittel. Doch obwohl damit große Teile der Branche inzwischen als deutlich unterbewertet gelten, wagen es Analysten und Fondsmanager kaum, eine baldige Wende zu prognostizieren. Zu sehr scheint das Vertrauen erschüttert. "Der Markt ist nicht mehr von fundamentalen Faktoren bestimmt, sondern von emotionalen Reaktionen", warnt Fondsberater Manfred Fischer.

Die Abkehr der Investoren hat dabei durchaus reale Gründe. Biotechunternehmen hatten in den vergangenen Monaten mit einer ungewöhnlichen Häufung von Enttäuschungen aufgewartet. Serienweisen scheiterten Neuentwicklungen in den Labors oder im Zulassungsverfahren. Selbst Zulieferer, die in der riskanten Wirkstoffentwicklung gar nicht engagiert sind, konnten ihre Versprechungen nicht einhalten. Für den vorerst letzten Schock sorgte vor wenigen Tagen Qiagen mit einer drastisch revidierten Gewinnprognose. Hinzu kamen Skandale wie das Geschehen um die amerikanische Firma Imclone Systems oder die undurchsichtige Bilanzierung bei der irischen Pharmagruppe Elan. Der Flop beim Imclone-Medikament Erbitux und der nachfolgende Insider-Verdacht gegen den früheren Firmenchef Samuel Waksal, sorgte vor allem bei US-Anlegern für massive Verstimmung. Ein weiteres Problem für die Branche resultiert aus der Schwäche des Pharmasektors, der in den vergangenen Tagen erneut massiv unter Druck geriet.

Vor diesem Hintergrund rechnen Analysten für die nähere Zukunft mit einer weiterhin schwierigen und volatilen Entwicklung. "Viele institutionelle Kunden sind schockiert und gefrustet. Die wollen erst mal positive Nachrichten sehen", so Biotech-Expertin Christa Bähr von der DZ-Bank. Ein günstiger "News-flow" ist kurzfristig kaum in Sicht. Selbst die wenigen positiven Meldungen werden häufig ignoriert. Das relativ starke Umsatzwachstum, das gestern die US-Firmen Genentech und Idec meldeten, bescherten dem Biotech-Segment nur eine ganz leichte Atempause.

Günstiger erscheinen dagegen die Perspektiven über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Denn die grundlegenden Faktoren, die für die Branche sprechen, gelten nach wie vor als intakt: Der Gesundheitsmarkt wächst weiterhin und der Innovationsbedarf der Pharmariesen ist größer denn je. Zudem mehren sich inzwischen die Indizien, dass einige große Arzneimittelhersteller Biotech-Konzerne auf die drastische Abwertung des Sektors reagieren. Sowohl Genentech-Chef Art Levinson als auch Novartis-Chef Daniel Vasella deuteten in den vergangenen Tagen Interesse an Akquisitionen im Biotech-Bereich an. Solche Transaktionen wären ein wichtiges Signal dafür, dass die Branche letztlich werthaltiger ist als die Börse derzeit unterstellt. Aber bis es soweit ist, werden wohl weiterhin Panik und Unsicherheit das Geschehen bestimmen.

Quelle: Handelsblatt

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