Investoren kauften Aktienfonds im High-Tech-Boom teuer ein – Nach dem Kurssturz steigen viele Anleger mit Verlust aus
Fondsanleger tappen in die Psycho-Falle

Europas Privatanleger handeln bei der Aktienanlage oft ungewollt nach dem Muster "Teuer einkaufen - billig abstoßen". Experten warnen vor psychologischen Fallstricken bei der Einschätzung der Börsen. Nach der Euphorie im Zuge des High-Tech-Booms scheint die Stimmung inzwischen ins andere Extrem umzuschlagen.

DÜSSELDORF. Lange wehrte Ulrich Müller (Name geändert) sich gegen das Börsenfieber. Als Arbeitskollegen und sein Sohn ihm von Riesengewinnen mit Aktien erzählten, "da habe ich gedacht, das muss ein Traum sein, der irgendwann platzt", sagt der Software-Programmierer. Aber als Müller im Mai 2000 eine Lebensversicherung ausgezahlt bekam, steckte er das Geld schließlich doch in einen Misch- und einen Aktienfonds, die seine Bankberaterin als "solide - bei begrenztem Risiko" empfahl. "Ich wollte nicht als einziger außen vor bleiben", sagt Müller.

Derzeit steht der Privatanleger aus dem Rheinland zweistellig im Minus - trotz der Kursrally der vergangenen Wochen. Müller ist beileibe nicht der Einzige: In Europa haben viele Privatanleger in der zweiten Hälfte der 90er Jahre erstmals Aktienfonds gekauft. Sie sitzen heute auf einem Gesamtverlust von etwa 75 Mrd. Euro (147 Mrd. DM). Das ergeben Schätzungen der Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) für Fondsanleger, die seit 1995 eingestiegen sind.

Milliarden-Rückflüsse bei Aktienfonds

Der kollektive Absturz führt dazu, dass sich viele Privatanleger mittlerweile von der Börse abwenden. So ließ die Kauflust seit Jahresbeginn stark nach. Auf den zusätzlichen Schock der US- Terroranschläge folgten im September sogar massive Abflüsse: In Italien gaben Anleger Aktienfondsanteile im Wert von 7,8 Mrd. Euro (15,3 Mrd. DM) zurück - so viel wie seit Jahren nicht. Auch in Deutschland berichten Fondshäuser über hohe Rückflüsse (Handelsblatt vom 9.10.,. S. 38). Moneesh Puri, Co-Autor der SSSB- Studie, verweist auf ein fatales Verhaltensmuster: Privatanleger kaufen verstärkt, wenn die Kurse bereits kräftig gestiegen sind. Und jetzt, wo die Notierungen stark gefallen sind, trennen sich viele von ihrer Aktienanlage.

Dadurch fallen die Verluste weit höher aus als bei der alternativen Anlagestrategie des "Cost Averaging". Dabei investieren Anleger regelmäßig einen festen Betrag - unabhängig vom Markttrend. Teuer und billig eingekaufte Depotanteile gleichen sich aus - daher der Name Cost Averaging (etwa: Durchschnittskostenausgleich). "Mit diesem Verfahren hätten Europas Privatanleger von 1995 bis heute noch ein Plus von 15 Mrd. Euro (29 Mrd. DM) erwirtschaftet statt des Riesenverlustes", hat SSSB-Experte Puri errechnet.

Auch Wirtschaftsprofessor Dirk Schiereck von der Universität Witten - Herdecke beobachtet: "Privatanleger neigen dazu, Aktien nach Kurszusammenbrüchen abzustoßen." Schon nach dem Börsencrash von 1987 seien viele Investoren zum falschen Zeitpunkt von Aktien in Anleihen gewechselt Diese fatale Neigung erklärt Schiereck mit der psychologisch fundierten Theorie der Geldanlage (Behavioral Finance). Danach beurteilen Anleger das Risiko-Rendite-Profil der Aktienmärkte an Hand eigener Erfahrungen und konkreter Schilderungen. Beispiel Müller: Wer hört, wie Kollegen am Neuen Markt reich werden, überdenkt irgendwann seine Haltung zur Aktie. Dagegen treten abstrakte Daten in den Hintergrund - etwa, dass extreme Boomphasen eher Ausnahmen als die Regel sind. "Die konkrete Erfahrung wiegt schwerer", sagt Schiereck.

Psychologischer Effekt wirkt in beide Richtungen

Die Folge: Anleger haben nach einem Kursaufschwung mehr positive Erfahrungen; sie bewerten die Börsen optimistischer - und kaufen mehr Aktienfonds. Derzeit erleben Anleger die Kehrseite dieses psychologischen Effekts namens Repräsentativitätsheuristik: Wer schmerzhafte Erfahrungen an der Börse machte, schätzt das Risiko von Aktien heute weit höher ein. Manche gebeutelte Privatanleger könnten der Börse daher den Rücken kehren, fürchtet Kapitalmarkt-Experte Schiereck. "Wer sich mit Infineon oder der Telekom die Finger verbrannt hat, ist womöglich auf Jahre hinaus nur als Karteileiche in den Aktionärsstatistiken aufzufassen", sagt er.

Auch SSSB-Experte Moneesh Puri erwartet "wenig Interesse an der Börse, so lange sich die Kurse nicht deutlich erholen". Nach seinen Berechnungen müsste der europäische Aktienindex DJ Stoxx um rund 20 % klettern, damit die Fondskäufer, die seit 1995 in den Markt eingestiegen sind, ihre Verluste los sind. "Dann haben die Anleger aus psychologischer Sicht zwei Möglichkeiten: Entweder sie verkaufen und vergessen, dass sie je in Aktien investiert haben, oder sie bleiben im Markt und hoffen auf weitere Gewinne", sagt Puri.

Auf Dauer werde wohl die hohe Langfristrendite der Aktie die Anleger überzeugen, schätzt Puri. Doch auf kurze Sicht drohten Turbulenzen, sobald die Börsen sich den früheren Einstandskursen nähern.

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