Investoren nehmen die Oligarchen jetzt ernst: Russlands Ölbarone polieren ihr Image auf

Investoren nehmen die Oligarchen jetzt ernst
Russlands Ölbarone polieren ihr Image auf

Die Zeit der Räuberbarone sei vorbei, Russland brauche ein zivilisiertes Geschäftsleben, fordert Michail Chodorkowskij und fragt: "Wer soll dafür sorgen, wenn nicht wir?"

HB MOSKAU. Der Chef von Russlands zweitgrößtem Ölkonzern, Yukos, gibt sich einsichtig - wohl auch, weil westliche Anleger ihn jahrelang angegriffen haben: Betrug an Anteilseignern, beabsichtigter Bankrott seiner Bank oder Verschleiern der Bilanzen, lauteten die Vorwürfe.

Diese Zeiten sind vorbei; die russischen Ölkonzerne werden mehr und mehr zu Lieblingen der Russland- Analysten. Der Aktienkurs von Yukos hat sich an der Börse in vorigen Jahr mehr als verdoppelt. Konkurrenten wie Lukoil, der größte russische Ölkonzern, sowie Surgutneftegaz oder TNK gewannen ebenso kräftig an Wert. Ein Grund dafür: Die Chefs der Ölkonzerne nehmen die Investoren ernster - vor allem wegen deren Macht.

So schätzt es Anatolij Tschubajs ein, unter Russlands erstem Präsidenten Boris Jelzin politische Schlüsselfigur und jetzt Chef des Strommonopolisten Vereinte Energiesysteme UES: "Die Qualität der russischen Firmen ist in den letzten zwei, drei Jahren deutlich besser geworden. Man hat verstanden, dass man von den Aktionären angeheuert ist und für sie arbeitet, und dass Sauberkeit Gewinn bringt."

Ein deutscher Firmenvertreter in Moskau, der ungenannt bleiben möchte, bestätigt den Wandel: "Die Oligarchen haben Manieren angenommen", sagt er. "In den zurückliegenden Jahren haben sie gewaltige Reichtümer angehäuft. Jetzt konzentrieren sie sich auf ihre Konzerne und kümmern sich um deren Entwicklung."

Putin schaffte neue Rahmenbedingungen

Ganz freiwillig kommt dies nicht. Russlands neuer Präsident Wladimir Putin hat den russischen Unternehmern gleich zu Beginn seiner Amtszeit zweierlei auferlegt: Die Rohstoffbarone hätten sich künftig stärker aus der Politik zurück zu halten und sie dürften nicht mehr alle Gewinne ins Ausland schaffen, sondern müssten sich im Heimatland engagieren.

Putin drohte und half zugleich: Seit durch seine Steuerreform die Abgaben deutlich reduziert wurden, können es sich die Konzerne leisten, große Gewinne offen auszuweisen. Diese werden nicht nur in Modernisierungen oder hohe Dividenden gesteckt, sondern in Zukäufe auf dem heimischen Markt. So stieg der Ölkonzern Sibneft beim weltweit zweitgrößten Aluminiumhersteller Russkij Akuminium, bei Autoherstellern und Fluglinien ein. Eine Art "nationales Shopping" beobachtet die Zeitung "Moscow Times" bei den Rohstoffriesen.

Längst haben die Oligarchen festgestellt, dass ihr Vermögen unter der Zivilisation des Geschäftslebens keineswegs leidet: "In zehn Jahren werden Russlands Ölbarone die reichsten Männer der Welt sein - wie die arabischen Scheichs", prophezeit Bill Browder vom Russland- Investmentfond Hermitage.

Doch geht es ihnen um mehr als nur persönlichen Reichtum: Sie wollen im Ausland angesehener sein - auch um damit ihre Chancen bei Firmen-Übernahmen zu verbessern. Fast alle Ölkonzerne haben internationale Buchhaltungsstandards eingeführt, um transparenter zu werden. Zudem hat etwa Yukos zur Imagepflege eine große Investor-Relations-Abteilung aufgebaut und westliche Manager in Führungspositionen angeheuert.

Ölförderung weiterhin auf Höchststand

Dabei half den Ölriesen, dass der Umbau der vergangenen Jahre ihre Einnahmen sprudeln lässt: Zukäufe von Ölfeldern, Ausbau der Raffinerien und die Ausweitung des Tankstellennetzes brachten ihnen hohe Gewinne. Und sie bleiben hoch, wenngleich sie im zurückliegenden Jahr wegen gesunkener Rohölpreise und höherer Ölexportsteuern in Russland unter Vorjahresniveau liegen dürften. Die Ölförderung liegt in Rußland weiter auf historischem Höchststand.

Gepaart mit der neuen Offenheit lockt dies die Investoren: Russische Ölaktien stehen meist nicht nur auf den Empfehlungslisten internationaler Analysten. Mittlerweile reißen sich auch westliche Banken und Konzerne um Kooperationen mit den einst gescholtenen russischen Ölbaronen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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