Investoren schätzen das Risiko höher ein als zu Jahresanfang – Bonds aus der Telekom- und Autobranche sind die Favoriten
Aktien belasten Unternehmensanleihen

Anleihen von Unternehmen können sich derzeit kaum vom Sog der Aktienmärkte lösen. Die Risikoscheu der Investoren zeigt sich in den gestiegenen Renditeaufschlägen der Titel. Experten hoffen aber, dass sich die Entwicklung der Unternehmensbonds im nächsten Jahr von dem Geschehen an den Aktienmärkten abkoppelt.

FRANKFURT/M. Die Stimmung bei Händlern und Analysten von Unternehmensanleihen ist derzeit gedämpft. Zwar haben Unternehmensbonds auch in diesem Jahr besser abgeschnitten als die gebeutelten Aktienmärkte. Aber seit Januar sind selbst die Kurse von solchen Anleihen im Schnitt gefallen, deren Herausgeber von den Ratingagenturen als vergleichsweise sicher eingestuft werden. Dementsprechend sind deren Renditeaufschläge (Spreads) gegenüber Staatsanleihen deutlich auf derzeit etwa 150 von 100 Basispunkten gestiegen (s. Grafik). Noch deutlicher kletterten die Renditeaufschläge von als spekulativ bewerteten Unternehmensanleihen, so genannten Junkbonds. Die hohen Spreads signalisieren, dass Investoren das Risiko bei Unternehmensbonds jetzt höher einschätzen als zu Jahresanfang.

Das zeigt sich besonders bei Firmenpapieren, die über ein nicht ganz so gutes Rating verfügen. So sind die Spreads von Unternehmensanleihen mit einem Dreifach-B-Rating und damit mittlerer Bonität seit Jahresanfang um etwa 75 auf 225 Basispunkte angestiegen. In den Dreifach-B-Bereich fallen sehr viele Auto- und Telekombonds - den dominierenden Sektoren am Markt für europäische Unternehmensanleihen.

Die Verluste an den Aktienmärkten, die Bilanzskandale um Enron, Worldcom, Tyco und Co, schlechte Konjunkturdaten und die Angst vor einem Krieg gegen den Irak haben den Unternehmensanleihen zugesetzt. Seit August sind die Renditeaufschläge zwar wieder etwas gesunken, doch Kreditstrategen befürchten, dass die Volatilität noch eine ganze Zeit lang anhalten wird.

"Investoren sind sehr nervös und vorsichtig", erklärt Ben Bennett von Dresdner Kleinwort Wasserstein. Auch für den Rest des Jahres erwartet er, dass sich Bonds generell eher negativ entwickeln werden. Die Gefahr, dass die US-Wirtschaft erneut in eine Rezession abtauchen wird, die Entwicklung im Irak und die Schuldenkrise Brasiliens seien sehr große Belastungsfaktoren für die Unternehmensbonds.

Diese Gefahren sieht auch David Brickman von BNP Paribas. Auf der anderen Seite würden jedoch die niedrigen Renditen der Staatsanleihen - US-Papiere rentieren derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit mehr als 40 Jahren - Investoren zunehmend nach lukrativeren Alternativen suchen lassen. Das sei eine Chance für Unternehmensanleihen, erklärte Brickman auf einer Investorenkonferenz von BNP Paribas in Frankfurt. Außerdem hätten sich in den vergangenen Wochen die Spreads der Unternehmensanleihen etwas von dem Geschehen an den Aktienmärkten gelöst.

Diese Entwicklung könne sich im nächsten Jahr fortsetzen, sagt Matt King, Kreditstratege bei JP Morgan. Denn wenn die Unternehmen weiter dem Trend folgten, Schulden abzubauen, sei dies positiver für die Bond- als für die Aktienkurse. Kapitalerhöhungen zum Schuldenabbau würden zum Beispiel am Bondmarkt anders als am Aktienmarkt begrüßt.

Besonders starke Kursschwankungen erwarten Experten weiter bei den Anleihen von Automobilherstellern. Deren Spreads sind zwar aktuell hoch, bei weiter schlechten Konjunkturnachrichten ist die Gefahr jedoch groß, dass sie noch weiter steigen. BNP Paribas empfiehlt deshalb institutionellen Anlegern, die Bonds aktiv handeln, die Anleihen der Großen Drei - Ford, Daimler-Chrysler und General Motors - zu meiden. Auch Bennett von Dresdner Kleinwort Wasserstein rät derzeit eher zum Kauf stabilerer Autobonds wie Volkswagen oder BMW.

Für Privatanleger, die Anleihen bis zur Endfälligkeit halten wollen, gelten jedoch zum Beispiel die kurzlaufenden Bonds von Ford wegen ihrer Renditen von mehr als 6 % für drei Jahre als attraktiv. Die Gefahr, dass Ford bis zum Ende der Laufzeit zahlungsunfähig wird, gilt als gering.

Auch bei Anleihen von Telekomunternehmen gilt das Risiko eines Ausfalls als vernachlässigbar. Darüber hinaus setzen die Anlageexperten zum Teil auf Kursgewinne. BNP Paribas JP Morgan und HSBC empfehlen, die Bonds der Branche unter anderem wegen der Fokussierung der Konzerne auf den Schuldenabbau überzugewichten. Telekombonds haben besonders unter dem Worldcom-Debakel gelitten, die Risikoaufschläge erscheinen den Instituten fundamental nicht gerechtfertigt.

Deutsche Bank und Dresdner Kleinwort Wasserstein bewerten Bonds aus der Telekombranche dagegen neutral. Die Gefahr weiter fallender Kurse und damit weiter steigender Spreads ist ihnen zu groß.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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