IOC-Chefs geschockt
Die Spur führt zur Russen-Mafia

Der olympische Sport sieht sich mit einer neuen Dimension des Betrugs konfrontiert. Nach Erkenntnissen des amerikanischen Bundeskriminalamtes FBI und der Staatsanwaltschaft in New York hat der russische Mafia-Boss Alimsan Tochtachunow bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City Einfluss auf die Eiskunstlauf-Entscheidungen im Paarlauf und Eistanzen genommen.

HB WASHINGTON/MOSKAU. Auf Intervention der Staatsanwaltschaft ist Tochtachunow am Mittwoch in Norditalien in Haft genommen worden. Er sitzt in Venedig ein. Innerhalb von 45 Tagen muss Italien über einen Auslieferungsantrag der USA entscheiden.

Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, reagierte "schockiert" und "auf das Äußerste überrascht". Sein Stellvertreter Thomas Bach sagte: "Wenn sich das bewahrheitet, wäre das schrecklich und eine grausame Entwicklung für den Sport." Der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim hatte im Februar entscheidenden Anteil an dem Votum des IOC-Exekutivkomitees, neben dem umstrittenen russischen Siegerpaar Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse auch den zweitplatzierten Kanadiern Jami Sale/David Pelletier die Goldmedaille zuzuerkennen. Der Sieg der Russen hatte die Winterspiele als Skandal überschattet und besonders in Nordamerika Empörung ausgelöst.

In einem Sportgerichtsverfahren hatte die Internationale Eislauf- Unon (ISU) die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne und den französischen Verbandspräsidenten Didier Gailhaguet als Übeltäter ausgemacht, sie zu einer Sperre von je drei Jahren verurteilt und von den Winterspiele 2006 in Turin verbannt. Gailhaguet soll auf Le Gougne Druck ausgeübt haben, um für die russischen Paarläufer zu stimmen.

"Taiwantschik" vermittelt auch junge Models in den Westen

Der dringende Verdacht des Olympiabetrugs gegen Tochtachumow war das Nebenprodukt von Europol-Ermittlungen in einer Geldwäscher-Operation ("Operation Ostgeld"). In die Untersuchungen wurden FBI und die amerikanische Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie machte den Fall am Mittwoch in New York auf einer Pressekonferenz bekannnt. Tochtachunow, ein 1949 im usbekischen Taschkent geborenen Russe, soll nach Moskauer Berichten einer der einflussreichsten Figuren der russischen Mafia im Ausland sein und seiner Tätigkeit unter dem Spitznamen "Taiwantschik" (der kleine Taiwanese) nachgehen. Zuletzt habe Tochtachunow, der auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, junge russische Models in den Westen vermittelt.

Nach Aussage von US-Richter Jemes B. Comey hat Tochtachunow einen "klassischen Deal" versucht: Die französische Punktrichterin sollte für Bereschnaja/Sicharulidse stimmen, dafür sollte der russische Kollege im Eistanz die Stimme der Ex-Russin Marina Anissina und ihrem französischen Partner Gwendal Peizerat geben. Tatsächlich siegte das französische Paar mit 5:4 Richterstimmen vor den Russen Irina Lobatschewa/Ilja Awerbuch. Richterin Le Gougne hatte unmittelbar nach der Paarlauf-Entscheidung von einem "Erpressungsversuch" gesprochen, diese Aussage jedoch zurückgenommen.

Telefonleitungen angezapft

Die Staatsanwaltschaft bezieht sich bei ihrer Anklage auf eine Serie abgehörter Telefonate von Tochtachunow aus Italien mit ungenannten Personen während der Winterspiele in Salt Lake City. Nach der Eistanz-Entscheidung soll eine Läuferin Tochtachunow angerufen und dabei behauptet haben, sie hätte auch ohne die russische Hilfe gewonnen. Der russische Preisrichter "hat uns nicht auf den ersten Platz gesetzt". Bei dieser Läuferin handelt es sich offensichtlich um Goldmedaillen-Gewinnerin Anissina.

Dem gebürtigen Usbeken wird vom FBI Bestechung und Verschwörung vorgeworfen. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe von fünf Jahren. Nach Informationen des Nachrichtensenders CNN hat er in Russland bereits eine lange kriminelle Karriere hinter sich. Außer Waffen- und Drogenhandel wird ihm auch vorgeworfen, in den 90er Jahren in Moskau Schönheitswettbewerbe manipuliert zu haben.

In einer ersten Stellungnahme zeigte sich ISU-Präsident Ottavio Cinquanta (Italien) "aufs Äußerste schockiert". Der Name Tochtachunow sei in der zweimonatigen Untersuchung seines Verbandes nie aufgetaucht. Gegenwärtig gebe es noch zu wenig Informationen, um eine neue Untersuchung zu starten. "Wir können nicht auf der Grundlage von noch unbewiesenen Anschuldigungen arbeiten." Der Russe sei auch nicht Mitglied der ISU-Familie. "Wir haben unsere Arbeit getan. Jetzt ist eine andere Arbeit zu erledigen."

Bach plädiert für sorgfältige Prüfung

Bach sagte für das IOC, "man muss dem Fall sorgfältig nachgehen". Es müsse alles getan werden zur Aufklärung. Doping sei die große Gefahr des Sports "von innen. Der Versuch der Fremdbestimmung mit kriminellen Mitteln wäre eine neue Dimension. Es kann nur heißen: Wehret den Anfängen." Dabei gehe es um die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und Prävention. Der Fall solle auch bei dem Treffen der IOC-Exekutive Ende August in Lausanne mit den internationalen Verbänden angesprochen werden. Sie seien neben dem IOC die "wirklich Betroffenen". Die Drittplatzierte im olympischen Eistanz, Barbara Fusi-Poli, forderte eine Wiederholung aller vier Eiskunstlauf-Wettbewerbe. Sie galt mit ihrem italienischen Partner Maurizio Margaglio als Mitfavoriten in Salt Lake City.

Das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands hat sich von Tochtachunow distanziert. Es habe mit dem seit langem in Frankreich lebenden Geschäftsmann nichts zu tun, teile NOK-Sprecher Gennadi Schwez in Moskau mit. In der Nachwendezeit waren in Russland immer wieder Hinweise aufgetaucht, die Mafia nehme Einfluss auf Spitzensportler und Funktionäre. Dabei gab es auch Gerüchte, dass kriminelle Elemente Eiskunstläufer finanziell unterstützen würden.

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