IOC verliert Machtkampf
Die große Olympia-Zensur

Entgegen früherer Versprechen räumt das Internationale Olympische Kommittee ein, dass es bei den Olympischen Spielen kein freies Internet geben wird. Damit hat das IOC auch den jüngsten Machtkampf mit dem Pekinger Organisationskommitee Bocog verloren.

PEKING / BERLIN. Das Internationale Olympische Kommittee (IOC) hatte eigens vorgesorgt. In einem 49-seitigen Leitfaden für den internen Gebrauch gab es seinen Mitgliedern Sprachregelungen an die Hand, wie mit kritischen Journalistenfragen umzugehen sei. Angelegenheiten wie der Pressefreiheit in China oder der Menschenrechtslage solle in Interviews ausgewichen werden. Ratsam sei etwa, einfach das Thema zu wechseln.

Kevan Gosper hat trotzdem seine Meinung gesagt. In einem Gespräch mit der Hongkonger „South China Morning Post“ räumte der Australier, Chef der IOC-Pressekommission, am Mittwoch ein, dass es entgegen jahrelanger Versprechungen seiner Vorgesetzten bei den Olympischen Spielen auch im internationalen Pressezentrum eine Zensur des Internets geben wird. „Ich bin unterrichtet worden, dass einige der IOC-Vertreter mit der chinesischen Seite ausgehandelt haben, dass einige heikle Webseiten gesperrt werden“, sagte Gosper. Er sei darüber sehr enttäuscht. Aber „ich kann den Chinesen nicht sagen, was sie tun sollen“. Desillusioniert fügte er hinzu: „Wir haben es hier mit einem kommunistischen Land zu tun, in dem zensiert wird. Wir bekommen, was sie einem zugestehen.“

Nach tagelangem Lavieren hat das IOC damit auch den jüngsten Machtkampf mit dem Pekinger Organisationskommitee Bocog verloren. Noch vor drei Wochen bei Eröffnung des Pressezentrums, in dem während der Spiele bis zu 25 000 Journalisten arbeiten werden, hatten beide Seiten einen „vollständigen Zugang“ zum Internet angekündigt. Als die ersten Berichterstatter ihre Arbeit aufnahmen, mussten sie gleichwohl feststellen, dass Webseiten von Menschenrechtsorganisationen, verfolgten Gruppen wie Falun Gong oder westlichen Medien wie der Deutschen Welle oder der BBC gar nicht oder nur gefiltert aufrufbar waren. „Die Seite ist nicht zugänglich“, heißt es dann. Oder es bricht, ganz zufällig, mal schnell das System zusammen.

Auf vielfache Kritik hatte das Bocog zuletzt mit dem Hinweis reagiert, den Journalisten würden alle Seiten zur Verfügung stehen, die sie für ihre sportliche Berichterstattung benötigten.

Dies ist seit Mittwoch nun auch offizielle Sprachregelung des IOC: Alle von den Sommerspielen berichtenden Reporter sollten „den notwendigen Zugang“ ins Netz erhalten, sagte IOC-Sprecherin Giselle Davies nach Gesprächen mit dem Bocog. Keine Rede mehr vom „vollständigen“ Zugang, oder, in den Worten Gospers: „Das erstreckt sich nicht notwendigerweise auf den freien Zugang und die Berichterstattung über alles, was mit China zu tun hat.“

Von Seiten der deutschen Delegation, die noch in den vergangenen Tagen auf uneingeschränktem Zugang insistiert hatte, wollte man die neue Lage gestern nicht kommentieren. Aber es spielt wohl auch keine Rolle mehr. „Ich vermute, sie (das Bocog, d. Red.) haben ihre Entscheidung getroffen“, sagte jedenfalls Gosper.

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