Irak
22 Stunden: Ein Kriegsbericht

Washington, Bagdad, Berlin - innerhalb weniger Stunden bannt der Irak-Krieg die Welt. Ein Protokoll des Geschehens, gerastert in Mitteleuropäischer Zeit (MEZ).

Gegen 22 Uhr MEZ, Washington: CIA-Chef George Tenet liefert Präsident George W. Bush brisante Informationen: Der Geheimdienst habe kurzfristig erfahren, wo sich Saddam Hussein und "andere höchste Mitglieder der irakischen Führung" aufhalten - in einem Privathaus im Süden Bagdads. Erst diese Nachricht bringt die Amerikaner dazu, schon in der Nacht anzugreifen. Die nächsten drei Stunden hält Bush im "Oval Office", seinem Büro im Weißen Haus, Kriegsrat. Mit dabei unter anderen: Vizepräsident Dick Cheney, Außenminister Colin Powell, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice.

0.30 Uhr, Washington: Der Präsident unterzeichnet den Befehl zum Angriff.

3.30 Uhr, Persischer Golf: Der Krieg beginnt mit einem Überraschungsschlag. Sechs US-Schiffe im Roten Meer und dem Persischen Golf feuern Tomahawk-Raketen ab. Die satellitengesteuerten Cruise Missiles steigen als grelle Lichtpunkte in den dunklen Nachthimmel, ziehen weiße Rauchstreifen hinter sich her. Die Bilder, von den Schiffen per E-Mail an das amerikanische Verteidigungsministerium geschickt, werden später über die internationalen Nachrichtenkanäle laufen.

3.33 Uhr, Bagdad: Die Sirenen heulen. Ein drohender Luftangriff wird angekündigt. Wenig später feuert die irakische Luftabwehr in der beginnenden Morgendämmerung auf unsichtbare Ziele. Irgendwo außerhalb des Zentrums erschüttern Explosionen die Hauptstadt. In der nächsten Stunde werden in zwei weiteren Wellen Raketen am Stadtrand einschlagen. Das Rote Kreuz berichtet später von einem Toten und 14 Verletzten.

3.47 Uhr, Washington: Im Presseraum des Weißen Hauses öffnet sich eine weiße Schiebetür. Sprecher Ari Fleischer marschiert zum Pult, in der Hand ein Blatt Papier. Es wird die wohl kürzeste Pressekonferenz seiner Laufbahn: "Die Entwaffnung des irakischen Regimes hat begonnen. Präsident Bush wird sich in Kürze an die Nation wenden." Zwei Sätze, Blick zu Boden, Abmarsch, Tür zu.

3.50 Uhr, Atlanta: In den Minuten nach Beginn des Angriffs auf Bagdad herrscht im US-Fernsehen totale Verwirrung. Star-Moderator Aaron Brown von CNN berichtet von Raketeneinschlägen in der irakischen Hauptstadt. Nervös fragt er Pentagon-Korrespondent John McIntyre: "Wo genau findet die Aktion statt?" McIntyre weiß es nicht. Dazu wird ein Standbild aus Bagdad eingeblendet: Hinter einer Moschee leuchtet der dunkelblaue Morgenhimmel. Vogelgezwitscher verbreitet eine eher idyllische Stimmung. Trotzdem blenden die Fernsehsender ihre vorbereiteten Signets ein: "Strike on Iraq", "Schlag gegen den Irak", wirbt CNN. Beim ZDF heißt es "Krieg am Golf", bei N-TV "Krieg gegen Saddam".

3.50 Uhr, New York: Der Gouverneur des Bundesstaates New York, George Pataki, ruft "alle New Yorker auf, wachsam zu sein". Aber es sei wichtig, "dass Sie ihrem Leben weiter nachgehen. Gehen Sie weiter ins Kino, ins Theater." In ganz Manhattan verstärken Uniformierte die Straßenposten - vor allem an den Brücken, die in das Zentrum New Yorks führen. Polizeiwagen säumen die Straßen.

4.15 Uhr, Washington: Fünf, vier, drei, zwei, eins: Eine Stimme im Hintergrund zählt den Countdown, dann spricht der Präsident: "Meine Landsleute", beginnt er, die Augen ernst zusammengezogen, die Stimme fest, "in dieser Stunde sind Truppen Amerikas und der Koalition in den ersten Stadien von Militäroperationen, um den Irak zu entwaffnen, sein Volk zu befreien und die Welt gegen ernsthafte Gefahr zu verteidigen." Bush sitzt am Schreibtisch im Oval Office, am Revers seines schwarzen Anzugs steckt die amerikanische Fahne, eingerahmt wird er von Fotos seiner Kinder und seiner Frau. Die Hände wie zum Gebet gefaltet, versichert er den Amerikanern: "Dies wird keine Kampagne der Halbheiten, und wir werden kein Ergebnis außer dem Sieg akzeptieren." Vier Minuten spricht er, dann schließt er mit den Worten: "Gott segne Amerika und alle, die es schützen." Unmittelbar anschließend habe sich Bush schlafen gelegt, berichten Vertraute später. In Washington geht es auf halb elf zu.

4.30 Uhr, über Neufundland: An Bord des Luftwaffenairbusses Theodor Heuss erhält Joschka Fischer vom Lagezentrum des Auswärtigen Amtes die Nachricht über den US-Angriff. Der Außenminister, auf dem Rückweg von der Sitzung des Sicherheitsrats in New York, ist übermüdet. Eine Stunde Schlaf bleibt ihm, bevor er am Morgen im Bundestag reden und am Nachmittag zum EU-Gipfel nach Brüssel muss.

5.25 Uhr, München: Der Fernsehsender Kabel 1 gibt Entwarnung, auf seine eigene Art. Bis eben hat er das Programm des Nachrichtenkanals N 24 übernommen, jetzt läuft ein Western: Ein Cowboy schießt im Saloon Whiskeyflaschen von der Theke.

6.19 Uhr, kuwaitisch-irakische Grenze: CNN-Reporter Walter Rodgers, ein Mittfünfziger in einem verwaschenen blauen Hemd, steht mit einer Gruppe US-Soldaten in der kuwaitischen Wüste. "Ready to go?" bellt er einen schwarzen Sergeant an, "bereit zum Angriff?" Die Antwort folgt zack zack: "Yes, I am." Fehlt nur noch das "Sir". Jetzt dreht Walter auf: "Anxious to go?" fragt er den Nächsten in der Runde, einen etwas bleichen Weißen namens Lieutenant Fritz, "begierig, loszuschlagen?" "Ready to go", antwortet der Leutnant irritiert, aber sein Gesichtsausdruck sagt: "Hast du sie noch alle?" "Höre ich da etwa ein Zögern?" gibt Rodgers kritisch zurück. "Nein, ich bin einfach nur bereit."

6.30 Uhr, Bagdad: Die Sirenen heulen, Entwarnung.

6.32 Uhr, Bagdad: "Zieht euer Schwert, nehmt eure Gewehre, drückt ab." Saddam Hussein, angekündigt von Marschmusik und einem Foto, auf dem er viele Jahre jünger wirkt, fordert seine Untertanen im irakischen Fernsehen zur Gegenwehr auf und schmäht den US-Präsidenten als den "kriminellen Junior Bush". Niemand weiß zunächst, ob er es wirklich ist oder einer seiner Doppelgänger. Zehn Minuten lang liest er durch eine große, eckige Hornbrille seinen Text ab, blickt kaum einmal auf und wechselt zwischen einem Notizblock und losen DIN-A4-Blättern. Danach sendet das irakische Satelliten-Fernsehen alte Bilder von Saddam Hussein, Gesänge zu seinen Ehren und zeitlose Reportagen.

7.30 Uhr, Paris: Zeitungshändler Philippe Letourner in der Rue des Archives gleich hinter dem Rathaus hat weder "Le Figaro" noch "Libération" im Angebot - "wegen des Krieges, Sie wissen schon". Frankreichs größte Morgenzeitungen haben den Redaktionsschluss bis tief in die Nacht verschoben, um den US-Angriff noch mitzubekommen. Nun kommen die Lieferanten nicht nach. Als der "Figaro" erscheint, lautet der Titel: "Bagdad, la guerre", "Bagdad, der Krieg".

8.50 Uhr, Frankfurt: Heinz Stork geht mit einem flauen Gefühl im Magen zur Arbeit. "Natürlich konzentriert man sich an diesem Tag besonders", erzählt der Börsenhändler vom Frankfurter Maklerhaus Fritz Nols. "Man weiß, dass alle am Markt extrem nervös sind, auch emotional geht der Krieg nicht spurlos an einem vorüber."

9.00 Uhr, Frankfurt: Die Börse startet, der Dax begibt sich auf eine Achterbahnfahrt. Innerhalb weniger Minuten brechen die Kurse der deutschen Börsenschwergewichte um zwei Prozent ein. Doch schon eine Viertelstunde später dreht der Dax ins Plus und pendelt lange um die Nulllinie, bevor er nachmittags ins Minus rutscht.

9.35 Uhr, Amman: Die französische Schule informiert Eltern per E-Mail darüber, dass an diesem Tag der in Frankreich landesweite Mathematikwettbewerb stattfindet. Die Kinder sind am Morgen normal zur Schule gegangen.

9.46 Uhr, Hamburg: Die deutsche Mineralölindustrie hat Verbraucher von Hamsterkäufen wegen des Irak-Krieges abgeraten. Versorgungsengpässe seien nicht zu befürchten, versucht der Mineralölwirtschaftsverband noch nicht aufgekommene Ängste zu beruhigen.

10.00 Uhr, Moskau: 1 500 Russen demonstrieren vor der US-Botschaft in Moskau gegen den Krieg: Sie schwenken rote Fahnen und halten Transparente hoch: "Yankee, go home."

10.05 Uhr, Wiesbaden: Auch die großen deutschen Bahnhöfe würden jetzt verstärkt kontrolliert, berichtet das Bundeskriminalamt (BKA). Die "Informationsstelle Irak" des BKA ist bereit für den 24-Stunden-Betrieb. "Wir werden von nun an täglich ein Bundeslagebild erstellen und damit auch das Sicherheitskabinett unterrichten", sagt ein Sprecher der Behörde.

10.21 Uhr, Kuwait City: Die BBC-Reporterin Hilary Anderson berichtet live aus Kuwait - mit Gasmaske. Als die Sirenen hier Luftalarm geben, ist die Nachricht von einer Explosion im Norden des Landes schon vorausgeeilt. Zwei Detonationen werden gemeldet, von einer Gaswolke ist die Rede. Wer seine Gasmaske nicht griffbereit hat, sucht jetzt hektisch danach. Das Wort "Gas" löst im Pressezentrum des Hilton-Hotels schlagartig Unruhe aus. Gas: Man riecht es nicht, sieht es nicht, hat kaum Zeit zu reagieren. Erst jetzt wird klar, was Krieg wirklich heißt.

11.05 Uhr, London: Einige Hundert Demonstranten sind auf der Straße, für eine Viertelstunde ist der Verkehr unterbrochen. In Süd-Devon wird ein knappes Dutzend Schüler des Torquay Community Colleges verwiesen, weil sie Polizisten anspucken.

12.00 Uhr, Berlin: Rund 20 000 Schüler haben sich bis zum Mittag in Berlin versammelt, um gegen den Krieg zu protestieren. Zwei Stunden später spricht die Polizei bereits von 50 000 Demonstranten.

12.51 Uhr, Moskau: Der russische Präsident Wladimir Putin verurteilt den Angriff in einer fünfminütigen Fernsehansprache als "gewaltigen Fehler".

14.22 Uhr, Paris: Aus den Lautsprechern in der Metro schnarrt die Nachricht, die Polizei habe die Ausgänge Concorde und Champs-Elysée-Clemenceau gesperrt. Beide liegen in unmittelbarer Nähe der US-Botschaft. Dort demonstrieren Kriegsgegner.

15.00 Uhr, Tel Aviv: Israelische Regierungsexperten halten Saddams TV-Rede für eine "Direktübertragung", nicht für eine Aufzeichnung. Das Pentagon hegt immer noch Zweifel.

15.09 Uhr, Kuwait City: Ein amerikanischer Armeesprecher bestätigt, dass im Süden des Iraks ein US-Militärhubschrauber bereits in der Nacht zum Mittwoch abgestürzt ist. Die Besatzung des Hubschraubers MH-53 "Pave Low" und die Elitetruppen an Bord seien aber gerettet worden. Bei dem Absturz handele es sich um einen Unfall.

15.30 Uhr, New York: Im Handelssaal der New Yorker Börse herrscht absolute Ruhe. Die Sitzung beginnt mit zwei Schweigeminuten. Mit starren, auf ein Sternenbanner an der Wand gerichteten Blicken beten die Broker für die amerikanischen Soldaten. Erst als um 15.32 Uhr die Glocke läutet, eilen sie an ihre Arbeitsplätze, der Dow Jones startet leicht im Minus.

16.40 Uhr, Bagdad: Irakische Truppen setzen in der Nähe von Basra Ölfelder in Brand, berichtet Fox News. Drei bis vier Quellen brennen, heißt es aus dem Pentagon.

17.06 Uhr, Washington: US-Verteidigungsminister Rumsfeld warnt das irakische Volk, "stecken Sie nicht Ihre Ölfelder in Brand, sie sind Ihre Zukunft." Er kündigt an, die Militäraktion werde alles übersteigen, was "es bisher gegeben" habe.

17.16 Uhr, Berlin: Bundeskanzler Gerhard Schröder hält seine Fernsehansprache: "Wir haben versucht, den Krieg zu verhindern bis zur letzten Minute", lautet sein erster Satz. "Ich sage: Es ist eine falsche Entscheidung getroffen worden." Die CNN-Zuschauer erfahren davon vorläufig nichts, nicht einmal im Laufband.

18.00 Uhr, New York: Ein paar hundert Demonstranten trotzen am Union Square dem Regen. Einige in Gasmasken, viele mit der US-Fahne auf ihrer Kleidung; sie halten Plakate mit Sprüchen wie: "Bringt unsere Truppen heim" oder "Regime-Wechsel beginnt zu Hause". Auch Julius Margolin, 87, ist gekommen: "Das ist ein krimineller Krieg, den die Gang aus Washington dort führt", schimpft der Kriegsveteran, dessen Kopf nur eine blaue Baseballmütze mit dem Schriftzug: "U.S. Merchant Marine Veteran", schützt. "Dafür habe ich nicht gegen die Nazis gekämpft." Der Protest ist nur der Auftakt für eine größere Demonstration.

18.08 Uhr, kuwaitisch-irakische Grenze: Die 3. Infanteriedivision der US-Artillerie nimmt mit Haubitzen und Raketensystemen irakische Stellungen unter Feuer - die Bodenoffensive beginnt. Der Himmel über dem Gebiet ist hell erleuchtet, mehrere Explosionen sind zu hören.

18.52 Uhr, Bagdad: In der Hauptstadt ist es längst schon dunkel, als die Sirenen heulen. Die irakische Führung rechnet mit neuen Luftangriffen. Kurz danach wird der Himmel von Blitzen durchzuckt. Marschflugkörper explodieren in der Stadt.

19.30 Uhr, Südirak: Der arabische Sender El Dschasira berichtet von Gefechten zwischen britischen Spezialeinheiten und irakischen Truppen in der Nähe Basras. Die zweite Kriegsnacht hat gerade erst begonnen.

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