Irak: Abseits der Rauchsäulen

Irak
Abseits der Rauchsäulen

Einschlag im Präsidentenpalast, Feuer in der Zentrale der Partei: Die Fernsehkameras erfassen weit entfernte Explosionen, das Alltagsleben in Bagdad aber bleibt ihnen verborgen. Bewohner berichten von geräumten Hospitälern und beginnender Nahrungsmittelknappheit.

Es ist Donnerstagmorgen, als bei der irakischen Modemacherin Hana Sadiq in Amman das Telefon klingelt: Ihre Schwägerin aus Bagdad meldet sich, und sie hat schreckliche Nachrichten: Hanas Bruder Jaffar ist gestorben am Morgen der ersten Bombenangriffe.

Es war keine amerikanische Präzisionsbombe, die Jaffar getötet hat, und dennoch ist er ein Kriegsopfer. Der herzkranke 50-Jährige war wenige Tage zuvor mit einem Blutgerinsel im Gehirn in eine Privatklinik eingeliefert worden. Am Mittwoch jedoch kam die Order der irakischen Militärs, das Krankenhaus zu räumen. "Wir brauchen das Hospital für andere Zwecke", hieß es zur Erklärung. Hana Sadiq vermutet, dass es für eventuell verwundete Soldaten bereitgehalten werden sollte. Die Kranken seien von den Apparaten gerissen und nach Hause geschickt worden. "Nur der 19-jährige Sohn meines Bruders war anwesend", erzählt Hana. "Er nahm seinen Vater und fuhr ihn nach Hause." Aber als der kranke Jaffar Sadiq am nächsten Morgen aufstand, fiel er tot um.

Es ist nicht einfach, in diesen ersten Kriegstagen verlässliche Informationen darüber zu bekommen, was sich in Bagdad ereignet. Fest montierte Kameras zeigen nachts die Feuerbälle, wenn irgendwo am Horizont amerikanische Bomben und Cruise Missiles einschlagen, sie zeigen brennende Regierungsgebäude in der Nähe des Pressezentrums, und die TV-Sender blenden Fotos von Korrespondenten ein, während deren zitternde Stimmen per Telefon live aus dem Bunker erzählen, wie das Hotel bei jedem neuen Einschlag in der Umgebung bebt.

Selbst wenn RTL wie gestern Nachmittag live dabei ist, wenn eine Menschenmenge auf einer Brücke über den Tigris steht, um die Jagd auf einen vermeintlich abgesprungenen US-Piloten zu beobachten, bleibt vieles unklar: Ist der Pilot gefangen, versteckt er sich wirklich in dem Schilf, das die Soldaten gerade anzünden, waren es sogar zwei Piloten, oder stimmt die ganze Geschichte gar nicht? Kein Journalist weiß es genau. Die irakische Regierung wird später dementieren, dass sie einen alliierten Piloten gefangen genommen habe.

Die Kameras waren auch nicht dabei, als Jaffar Sadiq beerdigt wurde. Normalerweise wäre sein Leichnam nach schiitischem Ritus um die Moscheen von Kazimiyya, Kerbala und Najaf getragen und schließlich in Najaf beerdigt worden. "Aber meine Familie konnte wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr frei herumfahren, und so haben sie meinen Bruder im Garten begraben", erzählt Hana Sadiq. Seither hat sie keinen Kontakt mehr mit Bagdad gehabt. Oft hat sie die fraglichen Telefonnummern gewählt, aber sie ist nicht mehr durchgekommen.

Die Nummer einer entfernt verwandten Familie in Bagdad wählt sie schon gar nicht mehr. Ihre Cousine in London hat sie gewarnt. "Der irakische Geheimdienst hat die Familie aufgefordert, ihr Haus zu verlassen, weil dort Mitarbeiter des Geheimdienstes einquartiert werden sollen", erzählt Hana Sadiq.

Das Alltagsleben in Bagdad lässt sich - wenn nicht wieder einmal kein Durchkommen ist - vielleicht noch am ehesten aus solchen Telefonaten konstruieren, aus Gesprächen mit Menschen, die sich anders als Journalisten frei bewegen können. Gespräche, wie sie Hana Sadiq mit ihren Verwandten führt oder Alexander Christof mit seinen irakischen Mitarbeitern der Hilfsorganisation Architects for people in need, einer in München ansässigen Organisation, die sich in Bagdad um Straßenkinder kümmert.

Christof, 44, berichtet von Straßen, die tagsüber zwar nicht so voll seien wie gewohnt, aber auch nicht ausgestorben, und davon, dass die meisten Geschäfte inzwischen geschlossen blieben. Am Samstag hat er zuletzt mit den sechs Mitarbeitern gesprochen, die in Bagdad geblieben sind. Sie haben die relativ neue, zweigeschossige Doppelhaushälfte im mittelständischen Wohnviertel Al-Wahda, von der aus die Organisation arbeitet, mit Sandsäcken geschützt und die Fenster mit Plastikfolie. Vor der Wucht einer Bombe würde das nicht schützen. In die Bunker gehen sie trotzdem nicht, wenn die Sirenen Alarm geben. Die meisten Bagdader bleiben in ihren Häusern und Wohnungen. Sie haben Angst, auch noch den letzten Besitz im Stich zu lassen, der ihnen geblieben ist.

Christofs Mitarbeiter haben in den vergangenen Tagen ein kleines Nahrungsmitteldepot angelegt, um ihre Schützlinge in den kommenden Wochen versorgen zu können. Zu wirklichen Großeinkäufen habe allerdings das Geld nicht gereicht. "Unsere Mitarbeiter haben am Samstag bereits Anrufe erhalten: ,Wir haben nichts mehr zu essen?", berichtet der Münchener Architekt, der selbst bis zur vergangenen Woche in der 5,5-Millionen-Stadt war: Als vor drei Wochen zuletzt Nahrungsmittelrationen verteilt worden seien, hätten die Behörden nur ein Drittel der üblichen Menge ausgegeben. Vor allem in Saddam City, einem Armenviertel mit 2,5 Millionen Einwohnern, werde die Situation schwierig.

Wirklich problematisch, so Christof, werde es, sobald die Bombenangriffe die Stromversorgung lahm legen sollten: "Dann werden in kürzester Zeit die Wasserhähne trocken bleiben." Nur zwei der Wasseraufbereitungsanlagen in Bagdad verfügten über Notstromaggregate.

Noch aber haben die Amerikaner und Briten die Elektrizitätswerke bei ihren Angriffen ausgespart. Noch scheinen ihre Geschosse einigermaßen genau einzuschlagen - auch wenn das irakische Informationsministerium Bilder von zivilen Opfer präsentiert hat. Und noch stehen die Amerikaner nicht vor der Stadt. Aber nach Berichten des irakischen Fernsehens sind sie nur noch 160 Kilometer entfernt. Anders als 1991, im ersten Golfkrieg, geht es den Alliierten dieses Mal um Saddam und um die Hauptstadt. Vor zwölf Jahren begnügten sich die Amerikaner mit der Einnahme Basras. Heute ist die südirakische Ölmetropole nicht einmal mehr ein kriegswichtiges Ziel für die vorrückenden Truppen.

Im Pressezentrum der Kriegskoalition von Kuwait-Stadt erklärt dies Chris Vernon, der Sprecher der britischen Truppen, so: "Wir kämpfen nur dann in städtischen Gebieten, wenn es absolut nicht mehr zu vermeiden ist." Was der Colonel nicht sagt: Ein Häuserkampf ist das Trauma der britisch-amerikanischen Allianz. Er würde automatisch hohe Verluste bedeuten. Und es ist Vernon anzumerken, dass ihm schon das Reden über Umm Kasr Unbehagen bereitet. Obwohl die Einnahme der Hafenstadt bereits Freitagnacht gemeldet worden war, hielt sich vereinzelter Widerstand noch bis zum Sonntag.

Doch das Augenmerk richtet sich jetzt auf Bagdad, immer wieder Bagdad. Darum vor allem kreist das Denken der Militärs. Und mehr noch als für Basra gilt hier Vernons Wort vom Häuserkampf, der vermieden werden soll. Bagdad, über 1 200 Jahre alt, ist eine zutiefst orientalische Stadt, mit Tausenden von Winkeln, Gassen, alten Karawansereien, unübersichtlichen Basaren, hingeduckten Baracken und großen Wohnsilos. Eine Stadt, die sich am Tigris breit gemacht hat, mit Ausfallstraßen, die leicht zu kontrollieren sind. Bagdad ist eine große Geschichte des Orients, mit den schiitischen Heiligtümern von Kerbala und Najaf vor der Tür, den Schiiten so wichtig wie Mekka und Medina. Wer Bagdad nicht gut kennt, geht dort schnell verloren.

"Wenn der Wechsel des Regimes in Bagdad erfolgt, bevor wir dort sind, dann wäre das Ziel der Koalition erreicht", sagt Chris Vernon, bevor er das Briefing im Hilton schließt. Ein Satz, aus dem auch Angst spricht. Angst vor dem, was die Alliierten in der Hauptstadt erwartet.

Noch ist es nicht so weit. Aber schon jetzt "fühlt sich in der Stadt keiner sicher", erzählt Alexander Christof und berichtet vom letzten Telefonat. Die Mitarbeiter haben gerade durchgegeben, was sie alles eingekauft haben, da heulen die Sirenen auf. Christof hört, wie die ersten Bomben explodieren. Er spürt, wie sich plötzlich die Angst durchs Telefon von der besorgten Stimme des Kollegen auf ihn überträgt. Auf das gewohnte "Tschüss, bis morgen" verzichtet er bei der Verabschiedung: "Wir wissen doch nicht, ob es nicht das letzte Mal war."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%