Irak
Analyse: Börsenorakel Saddam

Die Märkte hängen an Saddams Lippen, als sei er der Nachfolger von Alan Greenspan. Erst ließ der Diktator sein Marionettenparlament gegen die Uno - Resolution stimmen - und gleich fällt der Dax, der Dollar verliert, Öl verteuert sich. Dann nimmt Saddam Hussein die Resolution natürlich an, und das Spiel wiederholt sich in Gegenrichtung: Dax, Dow und Dollar rauf, Ölpreis runter.

Hektisch verfolgen die Händler jede Bewegung im Irak und spiegeln damit die Stimmungslage der westlichen Welt getreu wider - doch Saddams "Ja, aber . . ." als Signal der Entspannung zu werten hat mit Realität wenig zu tun. Die bittere Wahrheit: Ein militärischer Konflikt ist kaum mehr zu verhindern. Alle Entwarnungsmeldungen ignorieren die Fakten. Die USA werden sich erst mit Saddams Entmachtung zufrieden geben, die Kapitulation und der Abzug seines Clans ins Exil sind für die Falken das Minimum. Dazu wird es aber Gewalt bedürfen. Denn selbst wenn der Diktator die Bedingungen der Uno erfüllen wollte, könnte er es nicht, ohne Amt und Kopf zu verlieren. Warum? Weil die wirtschaftliche und politische Elite des Iraks mit dem Sieg der USA ihre Existenzgrundlage verlieren würde und eher putscht, als Saddams Rückzug zu decken.

Selbst die Einschaltung der Uno hat keine echte Entspannung bewirkt. Das einstimmige Votum des Sicherheitsrates stärkt die Position von US-Präsident George W. Bush und damit auch seine Entschlossenheit. Die Entsendung der Uno-Waffeninspektoren nach Bagdad bringt noch nicht einmal Washingtons Terminplanung durcheinander. Denn der Beginn des Militäreinsatzes war von vorneherein frühestens für den Januar terminiert.

Zur nächsten Konfrontation wird es viel schneller kommen. Bis zum 8. Dezember muss der Irak Farbe bekennen und eine "komplette und detaillierte" Liste aller atomaren, biologischen und chemischen Waffen vorlegen. Diese Liste wird die Uno mit ihren eigenen Kenntnissen abgleichen - und so den USA wohl genug Material liefern, Bagdad des Falschspiels und damit eines "ernsten Verstoßes" gegen die Uno-Resolution zu bezichtigen. Zwar wird dann der Streit mit Frankreich, China und Russland im Sicherheitsrat erneut ausbrechen. Aber die Amerikaner werden (gestützt auf die jüngste Uno-Resolution) das Mandat der Staatengemeinschaft für einen Angriff reklamieren - und die Frage der Rechtmäßigkeit dem Urteil der Wissenschaft überlassen.

Die Wahrscheinlichkeit spricht also für einen Krieg. Die wirtschaftlichen Folgen sind inzwischen wohl bekannt: Der Ölpreis wird kurzfristig auf mindestens 40 Dollar je Barrel klettern, was - zusammen mit den auf bis zu 200 Mrd. Dollar geschätzten direkten Kriegskosten - das schwache Wirtschaftswachstum vorerst abwürgen würde. Eine dauerhafte Befriedung des Iraks und damit eine wohltuende Entspannung des Ölmarktes liegen in weiter Ferne.

Trotz ihrer nervösen Reaktionen wissen das natürlich die meisten Akteure auf den Finanzmärkten. Die Kriegsangst ist ein entscheidender Grund, warum die Aktienindizes auf ihrem niedrigen Stand verharren. Erst der Kriegsbeginn gäbe ihnen ein Stückchen Sicherheit. Die ersten Bomben könnten die Aktienkurse sogar anschieben. Aber auch dieser Ausschlag wäre kaum von langer Dauer.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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