Irak
Analyse: Ein konventioneller Krieg

Was kann man am Ende der ersten Kriegswoche im Irak mit Sicherheit über den bisherigen Verlauf der Kämpfe sagen?

Auf den ersten Blick nicht viel: Die Gefechte um die südirakische Metropole Basra und um den Euphrat-Übergang bei Nasirija sind noch nicht beendet. Die Hafenstadt Umm Kasr scheint in britischer Hand, von der zweiten Front im Nordirak wissen wir wenig. Die Schlacht um Bagdad beginnt gerade erst. Viele Kommentare zum Frontverlauf haben sich in den letzten Tagen immer wieder als voreilig erwiesen. Die Kriegspropaganda beider Seiten verschleiert die wirkliche Lage in hohem Maße.

Viele Einschätzungen, die wir vor allem im deutschen Fernsehen hören, sind militärisch gesehen äußerst naiv. Kein Feldzugsplan überlebt den ersten Kontakt mit dem Feind, wie jeder erfahrene General seit Napoleons Zeiten weiß. Was ist also erstaunlich daran, dass die Amerikaner und die Briten ihre Planung im Verlauf der ersten Tage bereits mehrfach ändern mussten? Das Gleiche gilt für die Verluste der Alliierten, die für eine Militäraktion dieser Größenordnung zu erwarten waren. Wenn es ein wirkliches Überraschungsmoment in diesem Krieg gab, dann waren es vereinzelte Guerilla-Aktionen im Süden des Iraks.

Der Charakter des Kriegs wird sich dadurch jedoch nicht wesentlich verändern. Für einen "Volkskrieg" nach dem Vorbild Vietnams fehlen dem brutalen Regime Saddam Husseins die geographischen, politischen und militärischen Voraussetzungen. Die Vietcong konnten auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung bauen, Saddam hält seine Truppen nur durch die Angst zusammen. Über vereinzelte Aktionen seiner Baath-Parteigenossen hinaus spricht rein gar nichts für einen lang andauernden Guerillakrieg im Irak. Wenn man nach der ersten Woche eines mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dann dies: Wir erleben trotz aller neuen US-Waffen und schnellen Vormärsche einen ganz konventionellen Krieg. Er steuert auf das zu, was schon Carl von Clausewitz als eigentliches Kennzeichen des "großen Krieges" bezeichnet hatte: die Entscheidungsschlacht.

Beide Seiten suchen die Entscheidung bei Bagdad - wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. Die Amerikaner, weil sie aus Rücksicht auf die öffentliche Weltmeinung ein schnelles Ende des Krieges ohne Hunderttausende von Opfern unter der Zivilbevölkerung brauchen. Saddam Hussein, weil er umgekehrt die Menschen in Bagdad als Schutzschild für seine Republikanischen Garden und sich selbst missbrauchen möchte. Der Vergleich mit Stalingrad, den man in einigen Zeitungen lesen kann, stimmt nicht: Im Zweiten Weltkrieg scheiterten Hitlers Armeen vor allem an ihrer eigenen Ermüdung nach einem überaus verlustreichen Vormarsch und stark überdehnten Versorgungslinien. Davon kann heute auf amerikanischer Seite keine Rede sein, auch wenn die US-Nachschubkräfte mit einzelnen Angriffen auf ihre Konvois fertig werden müssen.

Wir haben es im Irak nicht mit einem jener "neuen Kriege" zu tun, die der Militärwissenschaftler Herfried Münkler in seinem viel gelobten gleichnamigen Buch beschwört. Die Schlacht um Bagdad werden wie in jedem anderen konventionellen Krieg drei Dinge entscheiden: militärische Feuerkraft, menschliche Kampfkraft und strategisches Genie.

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