Irak
Analyse: Kurzer Krieg, langer Krieg

Die Dauer des Feldzugs beschäftigt ganze Heerscharen von Kommentatoren und Politikern. Meist wird dabei jedoch eine simple Frage vergessen: Wann könnte man überhaupt von einem kurzen, wann von einem langen Krieg sprechen?

Alle wirtschaftlichen Prognosen in den Industriestaaten werden gegenwärtig im Groß- oder Kleingedruckten mit einer Einschränkung versehen: "Falls der Irak-Krieg nicht länger dauern wird." Die Dauer des amerikanischen Feldzugs beschäftigt auch ganze Heerscharen von Kommentatoren und Politikern. Meist wird dabei jedoch eine simple Frage vergessen: Wann könnte man überhaupt von einem kurzen, wann von einem langen Krieg sprechen? Vielleicht hilft ein Rückblick auf den ersten Golfkrieg, um diese Frage zu beantworten.

Die Operation Wüstensturm begann in den frühen Morgenstunden des 17. Januar 1991 mit massiven amerikanischen Luftangriffen auf irakische Radaranlagen. Am 27. Februar 1991 zogen die siegreichen Alliierten die Nationalflagge Kuwaits wieder in dem kleinen Emirat auf, das Saddam Husseins Truppen einige Monate zuvor in flagranter Missachtung des Völkerrechts besetzt hatten. Unter dem Oberkommando von General Norman Schwarzkopf flogen die Bomber der Alliierten über einen Monat lang insgesamt 15 500 Einsätze gegen die Stellungen der Republikanischen Garden. Die Bodenoffensive dauerte anschließend nur noch drei Tage - und ging damit in die Militärgeschichte tatsächlich als eine der kürzesten Infanterieoperationen aller Zeiten ein.

Der 41-Tage-Krieg gegen den Irak, das darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, verfolgte von vornherein ein beschränktes Kriegsziel: die Befreiung Kuwaits. Ein Sturz Saddams und die Besetzung des Iraks gehörten 1991, anders als heute, nicht zu den Kriegszielen der Amerikaner. Trotzdem setzten die USA damals eine wesentlich größere Streitmacht ein als heute: insgesamt 537 000 Soldaten, die am Schluss nicht mehr als 79 Tote und 35 Vermisste zu beklagen hatten. Man kann also aus Sicht Washingtons sagen: Der erste Golfkrieg war sehr kurz und zugleich sehr erfolgreich.

Heute sind die Kriegsziele der USA wesentlich umfassender als damals. Welche Faktoren wirken sonst noch auf die mögliche Dauer des zweiten Golfkriegs ein? Einerseits ist Saddams Kampfkraft erheblich geringer als 1991, die militärtechnische Überlegenheit der Amerikaner enorm gewachsen. Dafür sind die Truppenstärke und der Materialeinsatz der US-Armee, selbst wenn man die am letzten Wochenende bekannt gewordenen Verstärkungen mit einbezieht, deutlich geringer. Strategisch haben beide Seiten aus ihren Fehlern im ersten Golfkrieg gelernt. Wenn man die Erfahrungen der ersten Kriegswoche nimmt, muss man allerdings sagen: Saddams Lernkurve war möglicherweise steiler als die seiner amerikanischen Gegner.

Wenn man alle Faktoren zusammennimmt, bleibt nur das Fazit: Wenn die Amerikaner ihr Hauptkriegsziel (den Sturz der Saddam-Diktatur) in sechs, sieben Wochen erreichen sollten, müsste man aus militärischer Sicht von einem sehr kurzen Krieg sprechen. Ein Feldzug von vier Monaten oder mehr wäre sicherlich ein Zeichen dafür, dass sich die Pentagon-Strategen verrechnet hätten. Auf jeden Fall gilt: Heute ist es noch viel zu früh, um mit einiger Gewissheit über einen kurzen oder langen Krieg zu spekulieren.

Eine völlig andere Frage aber ist: Welche Kriegsdauer kann die Weltwirtschaft ohne große Schäden verkraften? Die Finanzmärkte werden ihre eigene Antwort finden, was sie für einen kurzen oder einen langen Krieg halten.

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