Irak
Analyse: Saddam greift in die Trickkiste

Saddam Hussein treibt die USA in die Zwickmühle: Die internationale Gemeinschaft kann seine Einladung an das Uno-Kontrollteam nicht ignorieren.

DÜSSELDORF. Zu Hause bevorzugt Saddam Hussein meist höchst martialische Posen. Aus gutem Grund: Iraks Präsident will und muss seinen mittlerweile über eine Dekade lang am Hungertuch nagenden Landsleuten Kraft und Stärke demonstrieren. Dies umso mehr, als sowohl im Zwei-Strom-Land als auch rund um den Globus die in Washington intonierten Kriegsparolen schrill in den Ohren klingen.

Gleichzeitig beweist sich der Alleinherrscher am Tigris aber als Meister der Finesse: Seine Offerte, die Experten der Kontrollkommisson zur Überwachung der von der Uno verhängten Abrüstungsauflagen zur Visite nach Bagdad zu bitten, ist ein trefflich gelungener Trick.

Die US-Regierung, in unerwarteten Argumentationszwang getrieben, reagiert prompt nervös: Es gehe nach den im Juni zum wiederholten Mal ohne Ergebnis abgebrochenen Verhandlungen zwischen der Uno und Bagdad nicht mehr um neue Gespräche, die den Weg zur Rückkehr der seit 1998 zwangsweise arbeitslosen Abrüstungsinspektoren führen sollen. Sondern das Ziel sei die bedingungslose Beseitigung aller im Irak vermuteten Massenvernichtungsmittel sowie der relevanten Produktionsstätten. So zitiert US-Chefdiplomat Colin Powell artig seinen Chef George W. Bush. Und der hat Recht: Eine schon 1991 formulierte Resolution des Uno-Sicherheitsrats fordert exakt dies. .

Gleichwohl verstrickt sich die amerikanische Regierung in Widersprüche: Wie kann denn Besitz oder Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Irak - oder auch eine entsprechende Abstinenz - bewiesen werden, wenn ein international formiertes Kontrollteam dies nicht mehr vor Ort verifizieren soll? Wird damit nicht jene Forderung relativiert, die seit nunmehr vier Jahren ununterbrochen und lautstark propagiert wird?

Es drängt sich der Eindruck auf, dass solche Fragen in Washington überhaupt nicht mehr gestellt werden. Bush junior hat sich bereits so weit aus dem Fenster gelehnt, dass er glaubt, schon aus Imagegründen auf einen Waffengang gegen Saddams Reich nicht mehr verzichten zu können.

Klar, es muss mit wachsender Spannung abgewartet werden, inwieweit die jüngste Expertenanhörung im Senat zum Thema, oder die vielfach auch von Skepsis geprägten Expertisen hoher Militärs die Meinung des US-Präsidenten und der um ihn gescharten Scharfmacher im Pentagon beeinflussen können. Vermutet werden darf aber schon jetzt, dass alle möglichen Berichte der Uno-Inspektoren, sollten sie denn im Irak tatsächlich wieder die Chance zur Recherche erhalten und diese auch wahrnehmen dürfen, in Washington von vornherein zur Makulatur degradiert werden.

Zur Erinnerung: 1998 starteten die amerikanischen Streitkräfte, unterstützt durch ihre treuen britischen Vasallen, einmal mehr massive Luftangriffe gegen den Irak. Ziel war, so damals jedenfalls die offizielle Lesart, die Zerstörung der vermuteten Anlagen zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Auf ein entsprechendes Mandat der Uno glaubte man - wie übrigens auch heute zu Unrecht - getrost verzichten zu können. Die vor Ort arbeitenden Uno-Inspektoren mussten als Folge des Bombenhagels zwangsläufig die Flucht ergreifen - Saddam verweigert ihnen seitdem die Rückkehr.

Nur kurz zuvor hatte Hans Blix, der damalige Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Behörde, die das im Irak vermutete Kernwaffenpotenzial aufspüren sollte, Bagdad Absolution erteilt. Saddam habe keine atomaren Ambitionen, erklärte Blix. Die Reaktion einer konsternierten US-Regierung kam rasch und scharf: Der Report des früheren schwedischen Außenministers ist zu ignorieren, lautete die Order des Stabes von Bushs Amtsvorgänger im Weißen Haus, Bill Clinton. Blix übte sich daraufhin in weniger präzisen Formulierungen.

Genau jener, unter Diplomaten hochrespektierte Hans Blix ist heute Chef des inzwischen von "Unscom" in "Unmovic" umfirmierten Uno-Kontrollteams, das Saddam wieder nach Bagdad einlädt.

Darüber, welche Reputation Blix bei Bush und Co. genießt, muss nicht lange gerätselt werden. Zudem: Damals, 1998, stand an der Spitze der Uno-Inspektoren der australische Diplomat Richard Butler. Ihm und mehreren seiner Mitarbeiter wurde vorgeworfen, zumindest indirekt Spionage zu Gunsten der USA betrieben zu haben. Immerhin wurde später halboffiziell bestätigt, dass sein Team wichtige im Irak gesammelte Erkenntnisse nicht, wie laut Uno-Mandat verpflichtet, direkt dem Sicherheitsrat, sondern zuvor exklusiv den einschlägigen US-Dienststellen präsentierte. Diese wiederum weigerten sich konstant, Butlers Meldungen auch den Partnern zur Verfügung zu stellen. Die Empörung war nicht nur im höchsten Entscheidungsgremium der Vereinten Nationen groß. Und in Bagdad lachte sich ein Saddam Hussein ins Fäustchen.

Und genau dies wird er auch jetzt wieder tun. Die Offerte an Blix verschafft ihm Luft. Sie öffnet ihm die Chance, die sich ohnehin seit Monaten formierende arabische Solidarität mit seinem Land weiter stabilisieren zu können. Selbst wenn der Schwede Vorbehalte hinsichtlich eines Erfolges solcher neuen Gespräche zu Protokoll gibt - die internationale Gemeinschaft kann das Angebot nicht schlicht an acta legen. Uno-Generalsekretär Kofi Annan hat sich bereits in diesem Sinn vernehmen lassen. Am heutigen Montag ist der Irak wohl das Hautthema auf der Agenda des Uno-Sicherheitsrats. Allerdings: Die USA haben dort Vetorecht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%