Irak-Aufbauhilfe
Kommentar: Aufräumer

Bei der Erziehung von Kindern vertrauen viele Eltern auf ein einfaches, aber wirksames Prinzip: Wer Unordnung schafft, soll auch aufräumen.

Nun versucht Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, dies auf die Weltpolitik zu übertragen: "Wer den Irak zerstört, sollte auch die Hauptlast des Wiederaufbaus tragen", fordert sie mit Blick nach Washington. Und der größte Teil der Deutschen, der diesen Krieg ohnehin für unnötig und schädlich hält, dürfte einträchtig nicken.

Leider sind jedoch nicht alle Rezepte der Kindererziehung auf die Politik übertragbar. Die ersten Äußerungen des Kanzlers deuten glücklicherweise darauf hin, dass er dies erkannt hat. Denn mittlerweile häufen sich die Erklärungen, Deutschland sei "natürlich" zur Hilfe im Irak bereit. Weder die Beteiligung am Wiederaufbau noch die Entsendung von Bundeswehr-Soldaten nach Kriegsende sind tabu. Dabei geht es zunächst um Grundsatzentscheidungen. Was am Ende wirklich gebraucht wird und was dies kostet, weiß niemand - weshalb jede Steuererhöhungsdebatte schierer Unsinn ist.

Die offene Hilfsbereitschaft ist zweifellos ein neuer Ton der Regierung, aber kein "Umfallen". Zwar hat man vor Kriegsausbruch jede Debatte über das "Danach" verweigert, um selbst den geringsten Anschein zu vermeiden, man wolle den Krieg für die USA leichter führbar machen. Doch schon damals war klar, dass es nach dem Scheitern aller friedlichen Lösungsversuche gute Gründe geben würde, einen friedlichen Beitrag im Nachkriegsirak zu leisten.

Denn Deutschland hat ein eigenes Interesse an Stabilität im Nahen Osten. Und die Supermacht USA mag zwar den Krieg gewinnen, den Frieden sichern kann sie aber nicht alleine. Eine deutsche Schmollhaltung nach dem Motto "Euer Krieg, euer Aufräumen" wäre also kontraproduktiv und im Übrigen angesichts des Leids im Irak zynisch. Auch die Warnung Friedensbewegter vor einer nachträglichen Legitimierung des US-Angriffs zielt deshalb ins Leere.

Zudem ist die Debatte um humanitäre Hilfe, aber auch den Wiederaufbau ein gutes Instrument, um die von Kriegsbefürwortern und-gegnern beschädigte Uno wieder ins Spiel zu bringen. Wenn dort schon keine Einigung über den Einsatz von Gewalt erzielt werden kann, dann vielleicht zumindest eine über Geld. Ein dritter Grund für eine aktivere deutsche Rolle im Nachkriegsirak ist, dass damit wieder Bewegung in die verfahrenen transatlantischen Beziehungen kommen könnte.

Doch um neuen Enttäuschungen in Washington vorzubeugen: Den Krieg wird der deutsche Steuerzahler diesmal nicht bezahlen - und das ist richtig so. Richtig wäre auch, die Teilnahme am Wiederaufbau des Iraks an klare Konditionen zu knüpfen: Die USA müssen sich zurück in den Uno-Rahmen begeben und dürfen den eroberten Irak mit seinem Ölreichtum nicht wie ein Protektorat führen. Und sie dürfen den Krieg nicht auf eine Art und Weise führen, die wegen der immensen Zahl der Opfer nur Hass zurücklässt - und jeden Bundeswehr-Einsatz zum Selbstmordkommando werden ließe. Dass dies schon jetzt neue, harte Diskussionen mit den USA erfordert, lässt sich nicht vermeiden. Die Bundesregierung muss dabei beweisen, dass sie aus den Fehlern früherer transatlantischer Debatten gelernt hat.

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