Irak-Debatte überschattet IWF-Jahrestreffen
Kriegsangst belastet die Weltwirtschaft

Offiziell sind IWF, Weltbank und die großen Industrieländer auf verhaltenen Optimismus gestimmt. Doch hinter den Kulissen macht sich die Sorge breit. Die Diskussion über einen Irak-Krieg hat die ohnehin nervösen Märkte weiter verunsichert. Dementsprechend gedämpft sind die Wachstums-Erwartungen.

WASHINGTON. Das U-Wort macht die Runde: "U" wie Unsicherheit. Wie ein roter Faden schlängelt es sich durch das Jahrestreffen von Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank und G7-Finanzministern in Washington. Und am Ende kriecht es sogar in die normalerweise weich gespülte Kommunique-Sprache: "Die Volkswirtschaften unserer Länder wachsen weiter - allerdings langsamer als noch im Frühjahr", heißt es in der Schluss-Erklärung der G7-Finanzminister. "Wir erkennen an, dass Risiken bleiben." Bundesfinanzminister Hans Eichel formuliert es so: "Es gibt kein festes Zukunftsvertrauen mehr - das ist das fundamentale Problem."

Derweil setzt sich die Talfahrt am Aktienmarkt fort. Am Freitag sackt der Dow Jones um weitere 3,7 Prozent auf 7701 Punkte ab. "Die Stimmung der Leute könnte nicht negativer sein", betont Andrew Brooks von der Investment-Firma T. Rowe Price in Baltimore. "Überall überwiegt die Unsicherheit.IWF-Chef Horst Köhler versucht, die psychologische Abwärts-Spirale zu konterkarieren - Zweck-Optimismus ist angesagt. "Es besteht kein Grund zu unangemessenem Pessimismus", schleudert er den Schwarzmalern entgegen. Und US- Finanzminister Paul O?Neill, Meister im Verteilen von Beruhigungspillen, weist Panikgedanken weit von sich: "Ich betrachte die Situation nicht so, dass man die Hände ringen muss."

Doch hinter den Kulissen gärt es. Die Diskussion über einen bevorstehenden Irak-Krieg verstärkt das Gefühl der Unsicherheit. "Das ist ein ganz heißes Thema", meint ein Teilnehmer der deutschen G7-Delegation. Bernd Fahrholz, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, ist einer der wenigen, die offen erklären: "Ein Militärschlag gegen den Irak würde die Weltwirtschaft weiter belasten." IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff macht hinter verschlossenen Türen folgende Rechnung auf: Steigt der Ölpreis über einen Zeitraum von sechs Monaten um 10 Prozent, sinkt das globale Wachstum um 0,3 Prozent.

Bei der Frage der Politik-Reaktionen sind sich die Experten allerdings nicht einig. Der Lenkungsausschuss des IWF empfiehlt, im Zweifelsfall an der geldpolitischen Schraube zu drehen: Die Zentralbanken der führenden Industriestaaten sollten sich zu einer Senkung der Leitzinsen bereit halten, wenn der Konjunktur-Motor noch mehr ins Stottern gerate. EZB-Chef Wim Duisenberg lehnt dies "zum jetzigen Zeitpunkt" ab und schimpft stattdessen auf die fiskalpolitischen Ausreißer in einigen EU-Staaten. Auch Bundesbank-Vize Jürgen Stark mahnt monetäre Disziplin an: "Gerade in Zeiten der Unsicherheit muss man politisch vorsichtig sein und darf nicht in hektischen Aktionismus verfallen."

Besonderen Druck auf die Deutschen habe es nicht gegeben, unterstreicht die Berliner Delegation. "US-Finanzminister O?Neill hat die Japaner und Europäer lediglich aufgefordert, zu ihrer Rolle als Wachstums-Lokomotiven zurückzufinden", meint Finanz-Staatssekretär Caio Koch-Weser. "Wenn Sie so wollen, war das eine Kritik der Amerikaner."

Verwirrung gab es um eine Äußerung des japanischen Finanzministers Masajuro Shiokawa. Nach Angaben seiner Mitarbeiter hat er bei O?Neill das Problem fauler Kredite im krisengeschüttelten japanischen Bankensystem angesprochen, später diese Information aber als Falschmeldung deklariert. "Ich habe mir keinen Reim darauf machen können, wie die japanische Regierung die Situation zu ändern gedenkt", lautet daraufhin der kryptische Kommentar O?Neills.

Derlei Sorgen hat Bundesfinanzminister Eichel nicht. Das Treffen mit seinem amerikanischen Amtskollegen sei "so freundschaftlich und herzlich verlaufen, wie es immer war", hebt Eichel hervor. Keine Spur von transatlantischen Missklängen. Washington und Berlin hätten allerdings nach wie vor unterschiedliche Positionen in der Irak-Frage. Eichels Miene verfinstert sich nur, als er zu Zeitungs-Berichten aus Deutschland befragt wird, wonach die Bundesregierung ihre Wachstums-Prognose für das kommende Jahr auf 1,5% gesenkt habe. Das sei "Spekulation", sagt er, und schiebt etwas unwirsch nach: "Ich äußere mich doch jetzt nicht zu Koalitionsverhandlungen." Dementiert hat er jedoch nicht.

Quelle: Handelsblatt

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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