Irak
Der Genickbruch

Zwei Kriege und das Uno-Embargo haben die einst gut situierte irakische Mittelschicht arm gemacht. Heute schlägt sich die "Intelligenzija" mit Gelegenheitsjobs durch. Und die Korruption ist zu einem allseits akzeptierten Teil des Wirtschaftslebens geworden.

Wenn Safar Said über seine Lebenskrise spricht, zittern ihm die Hände. Er klopft sich dann eine Zigarette aus seinem Päckchen der Marke Rasheed, zündet sie an und nimmt einen hastigen Zug. Zwei Päckchen am Tag ist seine Muss-Ration, das Päckchen zu 250 irakischen Dinar. Im Monat sind dies 15 000 Dinar, die Hälfte seines regulären Gehalts. Hätte Safar heute nur dieses Geld, er wäre pleite. So wie er schon einmal pleite war, vor knapp zehn Jahren.

Um zu überleben, musste sich Safar damals so erniedrigen wie nie in seinem Leben zuvor. In der anständigen Straße, in der er wohnte, begann der respektierte Bürger Zigaretten zu verkaufen. Er suchte sich einen unauffälligen Platz am Straßenrand neben dem Geschäft eines Bekannten, der ihn dort gewähren ließ. Mal fünf Zigaretten, mal zwei, meist nur eine. Eine Zigarette für ein paar Fils, Pfennigbeträge. Aber es war besser als nichts.

Doch Safar war kein Händler, er war ein Amateur. Er kannte die Kniffe des Geschäfts nicht. Zigaretten sind im Irak eine Währung. Und die kann im Stundentakt verfallen - oder steigen. Wer die Großmarktpreise nicht verfolgt, der verkauft schnell unter Preis. Das war es, was Safar das Genick brach. Eines Tages kauften die Kunden seine Zigaretten in Stangen, nicht in Stück. Safar konnte sein Glück kaum fassen. Er wunderte sich ein bisschen, dachte aber nicht lange nach. Als er alles verkauft hatte, bemerkte er seinen Fehler. Safar hatte einen Preisschub verpasst, weil er keinen Informanten am Großmarkt hatte. Und Safar war nicht nur erneut pleite. Jetzt hatte er auch noch Schulden bei seinem Lieferanten.

Das Schicksal des promovierten Ingenieurs ist nichts Ungewöhnliches in einem Land, das in 22 Jahren zwei Kriege erlebt hat und seit elf Jahren unter einem Embargo steht. Die studierte Mittelschicht, auf die der Irak in den "goldenen 70er-Jahren" so stolz war, ist praktisch verschwunden. Sie ist so verarmt, dass sie alles verramscht, was sie besitzt. Kleidung, Möbel, Bilder, sogar die Bücher landen auf dem Markt: Die Bücher, Heiligtümer jedes Intellektuellen. Jeden Freitag ist diese Trostlosigkeit auf der Mutanebi-Straße in Bagdad zu besichtigen. Dann sitzen dort "Intelligenzija" und Studenten auf ihren Bücherstapeln und preisen ihre Kostbarkeiten an. "Die Bücher kommen immer zuletzt", sagt Mahid, der in den Abendstunden an der Universität Bagdad Geschichte studiert. Aber Mahid braucht Geld, dringend.

In den 70er-Jahren war Irak ein anderes Land. Der Ölhahn war aufgedreht. Es wurde investiert, in die Infrastruktur, in das Gesundheitssystem, in die Bildung, in den Beamtenapparat. Anfang der 80er-Jahre betrug die Staatsquote 25 Prozent. Wer damals Beamter war in einem Ministerium oder in einer Behörde, war ziemlich weit oben angekommen in der Gesellschaftspyramide. Er konnte bequem leben, seine Familie ernähren und sich irgendwann ein Häuschen leisten.

Ein Haus auf eigenem Grund: Bis heute bemisst sich der Status danach. Und bis heute funktioniert das Privilegiensystem im öffentlichen Dienst nach diesem Prinzip. Über ein ausgeklügeltes Punktesystem erwirbt man Anwartschaften auf ein Grundstück: nach der Zahl der Dienstjahre, der Kinder, der Teilnahme an einem der beiden Golfkriege, der Zahl der "Märtyrer", also der Gefallenen in der Familie, oder danach, ob man ein "Freund des Präsidenten" ist. Der ist man, wenn man zwei oder mehr Kriegsorden vorweisen kann. Je mehr Punkte, desto schneller kommt das Angebot für ein billiges Grundstück. Allerdings inzwischen mit einem Haken: Denn den meisten fehlt heute das Geld, um das Land zu bebauen. Also wird auch der Grund verkauft, an die Neureichen, die Kriegs- und Embargogewinnler, an die Sippen mit reicher Verwandtschaft im Ausland.

"Die Familien haben früher viel besser zusammengehalten", sagt Safar, "heute denkt jeder nur an sich." Drei Kilo Reis, ein Kilo Speisefett, zwei Kilo Zucker, neun Kilo Mehl, 250 Gramm Tee, 500 Gramm Hülsenfrüchte, etwas Salz, Milchpulver und Seife: Das ist die Ration, die aus dem Uno-Programm Öl für Nahrung einer erwachsenen Person im Irak kostenlos zusteht. 3 250 Kalorien am Tag, aber kein Fleisch, keine Milchprodukte, kein Fisch, keine Eier.

Wer das will, der muss es teuer auf dem Markt kaufen. Aber wer kann das schon? Bei einem Durchschnittslohn von rund 30 000 irakischen Dinar, rund 15 Dollar, ist ein Kilo Rindfleisch für 3 500 Dinar fast unerreichbar. Gerade für die Intelligenzija.

Also sind vor allem jene Jobs beliebt, die mit Publikumsverkehr zu tun haben. Denn wer andere Menschen bestrafen oder belohnen darf, kann für sein Tun oder Lassen Geld nehmen. Für eine Bescheinigung, für ein gutes Wort, für eine verhinderte Buße. Das alles geschieht regelmäßig und ohne Scham. So verändert sich langsam eine Mentalität, die es in dieser Ausprägung im Irak früher nicht gab. Die Korruption als staatserhaltendes Instrument.

Als Safars Karriere als Zigarettenhändler vorbei war, versuchte er sich als Joghurtverkäufer. Doch als er merkte, dass er nur dann Gewinn machen würde, wenn er den Joghurt mit Stärke verdickt, gab er den Straßenverkauf auf. Betrügen wollte er nicht, sagt er, auch wenn es sich nur um eine kleine Sünde handelte. Ein Freund verschaffte ihm eine Arbeit in einem Büro, wo er nun die Buchhaltung führt. Sein Einkommen reicht jetzt wenigstens für die Familie. Und seine Ehre, so sagt er, sei ihm geblieben.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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