Irak
Die Texas-Boys im wilden Kurdistan

Wie die Amerikaner die irakische Ölförderung wieder nach oben hieven wollen und warum das so lange dauert: das Beispiel Kirkuk.

Kirkus. Es ist 18.30 Uhr. Sind alle da? Können wir anfangen?" ruft Major Joe im Kasernenhofton in die neonbeleuchtete Kantine, deren tristes Mobilar nur von vergilbten Bildern der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft verschönert wird. Dabei blickt der Mann durch seine enorme Sicherheitsbrille suchend in die Runde. Auf den blanken Tischen stehen Tomatenketchup und texanische Chilisaucen, im Fernsehen läuft CNN. Denn hier im Hotel Dar Alsalam in der kurdischen Stadt Kirkuk ist jetzt Amerika. Die USA bauen Iraks verwundete Ölindustrie wieder auf - mit militärischem Drill.

Major Joe, wie die anwesenden zehn US-Militärs und die rund 40 Mitarbeiter der texanischen Erdölservicegesellschaft Kellogg, Brown & Root (KBR) Offizier Hanus nennen, leitet das tägliche "Security- Meeting" der US-Besatzer in Kirkuk, gut 300 Kilometer nördlich von Bagdad im Autonomiegebiet der irakischen Kurden. Er kommandiert die amerikanischen Glücksbringer oder Glücksritter des irakischen Öls - was sie am Ende sein werden, wird die Zukunft zeigen.

Die Gegenwart aber heißt Al-Fatha. Diese Brücke über den Tigris haben US-Jets während des Krieges zerbombt. Dabei rissen die Missiles auch 16 Pipelines in den Fluss. Ihre abgerissenen Überreste hängen wie rostige Spaghetti in die Tiefe. Kurz nach dem mühsamen Legen einer Umgehungsstraße haben irakische Saboteure sie vor ein paar Tagen wieder in die Luft gesprengt. Aus der geborstenen Leitung ergießen sich ein Ölsee und Flammen.

Hier zeigt sich der Reichtum, der unter Kirkuks Steppe lagert; auf einer Fläche von Tausenden Quadratkilometern liegt hier knapp unter dem verdorrten Gras der Stoff, auf den die Ölmärkte warten. Zwischen Wracks irakischer Armeelastwagen der DDR-Marke Ifa entweichen ab und zu gigantische Flammen, wenn Gas abgefackelt wird. Raffinerien und Separierstationen, wo Gas und Öl getrennt werden, stehen immer wieder mitten im Nichts. Die großen Exporttrassen verlaufen unterirdisch - ebenso wie die Druckförderung des schwarzen Rohstoffs. Das Kirkuk-Feld ist von Ausmaß und Fördermenge, obwohl schon 1927 angestochen, noch immer eines der fünf größten der Welt.

Jeder Sabotageakt bedeutet wieder tagelange Aufräum- und Aufbauarbeit für die Arbeiter der North Oil Co., wie die staatliche irakische Ölgesellschaft in Kirkuk heißt, die das bisher größte Ölfeld des Landes im Norden ausbeutet. Aber auch für das US Army Corps of Engineers, Team Rio (Restore Iraqi Oil), die Sondereinheit zum Wiederaufbau der mitgenommenen Ölindustrie. "Als sie uns in den Irak schickten, wusste ich nicht, was auf uns zukommt. Bisher wurde ich eingesetzt bei Naturkatastrophen. Das ist meine erste Ölmission", erzählt die Offizierin Nola Conway, die vier Jahre lang in der US-Einheit bei "K-Town" stationiert war, wie die Amerikaner Kaiserslautern nennen.

Ihr Chef, der kahlköpfige Projekt-Ingenieur Lewis Herring, 57, umreißt die Aufgaben der Wiederaufbautruppe: "Wir sorgen dafür, dass die Pipelines in Ordnung kommen und die von Saboteuren zerstörten Stromleitungen." Herring war schon 1991 beim Beseitigen der Kriegsschäden in Kuwaits Ölindustrie dabei. Mit der Armee und der Irakern gebe es ein "true teamwork", versichert der Ingenieur und erzählt, dass jetzt die Ölpolizei ausgebildet werde: Männer mit "Security"-Schirmmützen , am Arm die Kalaschnikow: "Damit sie bald wieder die Bewachung aller wichtigen Objekte übernimmt."

Das hat sie wochenlang nicht getan. So sehen einige Öl-Einrichtungen auch ohne Kriegseinwirkungen aus wie Trümmerfelder. "Das ist mein Büro", zeigt Abdul Nashaf in ein fast leeres Zimmer. Er ist Ingenieur der Gas/Öl-Separiereinheit Jambur mitten in der Wüste. Sogar Deckenplatten wurden herausgerissen, der ungeleerte Papierkorb wurde von Plünderern hinterlassen und die Akten mit Schaltanleitungen der Steuerungssysteme. "Die kann ich jetzt wegwerfen, die alten Anlagen sind nicht mehr zu retten. Es gab zu viel Ali Baba", so nennt Ingenieur Nashat den Raub.

In der Gluthitze vor dem Gebäude haben die Amerikaner drei Container aufgestellt, in denen sie Werkzeug, Notgeneratoren und Ventilatoren angeliefert haben. Nun zimmert ein Texaner, akkurat und mit aufgesetzter Sicherheitsbrille beim Sägen, ein Regal für einen der Container. In der Halle dahinter haben Kupferklauer alle Drähte aus Generatoren herausgeschnitten. Aus Maschinenblocks wurden die Computer gerissen. Türen wurden zertrümmert. Nur noch Aufdrucke wie "Typenschild befindet sich innen" oder "Störung" sind stumme Zeugen der 70er- und 80er-Jahre. Damals kamen die Anlagen aus Deutschland, Holland und Frankreich. Heute zeigen die Texaner beim Auspacken neuer Technik stolz: "Made in USA."

Das versteht Nashat nach 29 Jahren im Werk nicht: "Die europäische Technik lief prima. Und die Amerikaner haben doch keine Erfahrung im Irak und auch nicht mit uns Irakern."

Er ist selbstbewusst. "Wir sind bisher auch ohne die Amerikaner und oft sogar ohne Ersatzteile ausgekommen. Die Amis haben uns nur Ärger gebracht: Während ich früher 150 Dollar Leistungslohn bekam, erhalte ich heute wie alle hier 120 Dollar Monatsgehalt. Aber vielleicht wird es ja mal mehr", hofft Nashaf.

Auch ein Pokal im Dienstzimmer von North-Oil-Chef Adel Al-Qazzaz steht für das irakische Selbstbewusstsein: 7:1 schlugen die irakischen Ölarbeiter die US-Soldaten beim Fußball. Der 60-Jährige ist seit Kriegsende Chef von North Oil, die auf dem ersten, 1927 erschlossenen irakischen Ölfeld sitzt. "Alles wurde geplündert nach dem Krieg. 50 Prozent unserer Anlagen waren zerstört", berichtet Al-Qazzaz. Drei der fünf Fördereinheiten arbeiten heute wieder. "Aber wegen jüngster Sabotageakte fördern wir zurzeit nur 430 000 Fass Rohöl am Tag. Dabei hatten wir nach dem Krieg schon 580 000 Barrel erreicht." Bis zum Schaffen des Vorkriegsniveaus von 850 000 Fass täglich brauche es noch "mindestens drei Monate, vielleicht bis zum Jahresende - und 400 Millionen Dollar Investitionen".

Denn die einst von den Briten erschlossenen Ölfelder in Iraks Norden, die unter Saddam exzessiv ausgebeutet wurden, sind nach 14 Milliarden herausgepumpten Barrel Öl altersschwach. Um die noch im Boden vermuteten bis zu zwölf Milliarden zu holen, "brauchen wir massive Investitionen und neue Bohrungen. Dann können wir vielleicht auf eine Million Barrel Tagesproduktion kommen, mehr aber nie", so der North-Oil-Chef. Auch an Exporte, aus deren Erlösen die USA den Wiederaufbau des Iraks finanzieren wollen, sei im Moment nicht zu denken: "Was wir hier produzieren, reicht gerade für den Eigenbedarf."

Iraks Norden, wo das Öl so dicht unter der Erdkruste lagert, dass Gasflammen direkt am Boden abgefackelt werden, hat viele Jahre mit etwa 40 Prozent zur Ölförderung des Landes beigetragen. Jetzt ist der Anteil sogar noch größer, da die Erdölfelder im Süden noch schlimmer von Plünderern lahm gelegt wurden und bei Basra bisher nur etwa 250 000 Barrel Rohöl täglich produziert werden können.

Für den gesamten Irak rechnet Ölminister Thamer al-Ghadhban mit einer Milliarde Dollar Investionsbedarf und 18 Monaten zum Erreichen des Vorkriegsniveaus von 2,5 Millionen Fass pro Tag. Doch schon jetzt haben sich seine Pläne - 1,4 Millionen Barrel täglich bis Mitte Juni - erheblich verzögert.

So verzögert sich auch das Ziel der USA, den Ölpreis mittels des irakischen Stoffs dauerhaft niedrig zu halten. In Erfüllung gehen wird der Wunsch ohnehin nur, wenn es gelingt, neue Ölfelder im Süden des Iraks zu erschließen. Dort gibt es gigantische Reserven - und ebenso große Probleme: Die Verträge zur Ausbeutung der neuen Felder haben bisher der russische Ölkonzern Lukoil und Frankreichs Total. Doch diese Kontrakte, die Ölminister al-Ghadbhan "überprüfen will", sind ebenso unsicher wie die zukünftige Rolle des Landes mit den weltweit zweitgrößten Erdölreserven für den Rohölpreis. Laut Ölexperten, wie Gerald Butt vom "Middle East Economic Survey", sei an weltmarktbestimmende Expansion im Irak vorerst nicht zu denken.

Den Optimismus lassen sich die Amerikaner bei ihrem Kraftakt in der Wüste trotz aller Rückschläge aber nicht nehmen: "Wir werden es schaffen, die Ölförderung auf alte Höhen zu hieven", meint Commander Herring. "Daran sind nicht einmal Zweifel erlaubt." Die Rio-Leute nennen sich "Zivilisten", fahren auch Zivil-Jeeps, tragen aber Uniform. Das ist ebenso schwierig zu verstehen wie die Frage, wer bei der irakischen Ölförderung das Sagen hat. Nur so viel scheint klar: Die Ölmänner der privaten US-Firma KBR bringen den Irakern Technik und beaufsichtigen deren Installation, die Armee wiederum beaufsichtigt die Texaner. In Texas sitzen Amerikas Ölfirmen, auch Halliburton, deren Tochter KBR ist. Kritiker der Bush-Regierung behaupten, KBR habe den 180 Millionen Dollar schweren Irak-Auftrag vom US-Militär ohne Ausschreibung nur bekommen, weil Vizepräsident Dick Cheney früher Halliburton-Chef gewesen sei. Jedenfalls verteilt die Armee gleich Visitenkarten der KBR-Pressestelle mit.

Zurück in der trostlosen Kantine, im Einsatzstab der amerikanischen Aufbauhelfer aus Armee und Privatwirtschaft sitzen alle wieder zusammen. Es gibt Chili con Carne und italienische Spaghetti aus Aufreißpackungen - gewürzt mit texanischer Chilisauce aus der Heimat. Man passt auf sich auf. Gegen die Hinterhalte Handy und Hitzschlag sind die Amerikaner jedenfalls gewappnet. An der Wand der Kantine warnen Plakate vor dem Benutzen von Mobiltelefonen am Steuer. Und zur Vermeidung von Sonnenstich liegen Merkblätter aus.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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