Irak
Kommentar: Die ungeliebten Befreier

Wer die wachsende Zahl der Angriffe auf die amerikanischen Truppen im Irak immer noch als Einzelfälle bagatellisiert, streut der Welt Sand in die Augen.

Wer die wachsende Zahl der Angriffe auf die amerikanischen Truppen im Irak immer noch als Einzelfälle bagatellisiert, streut der Welt Sand in die Augen. Die jüngsten Zwischenfälle, bei denen in nur 48 Stunden vier US-Soldaten umkamen und 15 verwundet wurden, tragen den Charakter genau geplanter Aktionen. Die Angreifer setzten dabei Granatwerfer ein und suchten sich ihre Ziele - Checkpoints, kleine Konvois, eine Polizeistation - sorgfältig aus. Schon machen Vermutungen die Runde, bei den Operationen könnte es sich um den Beginn einer breiten Widerstandswelle, eines Dschihads, im Irak handeln.

Die Amerikaner wirken dabei überrascht und handlungsstarr. Der Enthusiasmus einer Befreiungsarmee ist schnell dem Gefühl gewichen, als Besatzer angefeindet und gejagt zu werden. Als Ende April eine Demonstration in Falluja mit 18 Toten und 78 Verwundeten endete, war dies das erste sichtbare Signal, welchen Lauf die Dinge nehmen könnten. Die US-Soldaten feuerten auf eine Menge, die sie als aggressiv und feindlich erlebten.

Spätestens mit diesem Ereignis kippte die Stimmung. Wer allerdings genau hinsah, konnte dies schon vorher erkennen. Als am 9. April die Bilder über den Sturz der Saddam-Statue vor dem Hotel Palestine in Bagdad über die Fernsehschirme liefen, wurde nur ein Jubel-Ausschnitt von den Kameras eingefangen. Schon in den Nebenstraßen um den Firdus-Platz herrschte Nüchternheit. Denn der Nationalstolz der Iraker ist nicht zu unterschätzen. Anders als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Irak auch nach der Niederlage keine gebrochene Nation. Die Invasion der Amerikaner wird deshalb eben auch als solche empfunden, so froh ein Großteil der Menschen über das Ende des Saddam-Regimes auch sein mag.

Viele der Klagen, die nun gegen die USA erhoben werden, sind deshalb gerechtfertigt: Washington hat den Charakter der Iraker verkannt, sich dabei vielleicht auch von den vielen Beratern und Exilanten in die Irre führen lassen. Die Bush-Administration ist miserabel vorbereitet in die Nachkriegsphase geschlittert und hat untaugliches Personal eingesetzt. Schließlich hat Washington mit seiner Politik des Laisser-faire von Anfang an die falschen Zeichen gesetzt und dem Chaos erst die Türen geöffnet. Obwohl auch dies ein Merkmal der grundlegenden Fehleinschätzung war: der Annahme, als bejubelte Befreier mit einer Mini-Armee auszukommen. Denn genau die ist in Irak auf dem Posten. Gut 200 000 Soldaten sind im Einsatz - nicht einmal halb so viel wie bei der Befreiung Kuwaits 1991.

Dies alles würde nicht so sehr auffallen, könnte sich Washington wenigstens auf eine konstruktive Opposition stützen. Doch auch an diesem Punkt werden die USA nun von ihren Erbsünden eingeholt. Den zahlreichen amerikanischen Emissären war es vor dem Krieg nicht gelungen, aus dem disparaten Haufen der Exilpolitiker einen handlungsfähigen Kern zu formen - und dies wirkt nun nach. Wieder - wie schon in Afghanistan - rückt nun ein 80-jähriger Greis, Adnan Pachachi, Außenminister in den 60er-Jahren, als Retter ins Rampenlicht. Doch wie schon in Kabul schmeckt den Amerikanern nicht, was dieser zu sagen hat: Schaffung eines Nationalkongresses, Ausarbeitung einer Verfassung, baldige Wahlen und Bildung einer souveränen irakischen Regierung. Pachachi hat Recht mit dem, was er fordert - denn er kennt seine Landsleute. Die halten nicht lange still unter einer amerikanisch-britischen Oberhoheit.

Die kurdische Delegation in Bagdad, eine der noch am besten organisierten Gruppen, hat sich bereits in ihre nordirakische Heimat zurückgezogen. Frustriert von der amerikanischen Ankündigung, die Bildung der provisorischen Regierung hinauszuzögern, beraten sie ihre Strategie. Als Einzige immerhin dürfen ihre Peschmerga bewaffnet bleiben, weil sie erheblich zum militärischen Sieg in Mossul und Kirkuk beigetragen haben. Doch sowohl die schiitische Badr-Brigade als auch die 700 paramilitärischen Kämpfer des Irakischen Nationalkongresses (INC) müssen im Juni ihre Waffen abgeben. Eine Ungleichbehandlung, die aus Sicht von Beobachtern die Einheit zwischen den Oppositionsgruppen nicht eben fördern wird.

Im Nachkriegsirak haben die USA bislang nicht die glücklichste Hand bewiesen. Noch ist nicht klar, wie viel davon Gedankenlosigkeit ist und wie viel handwerkliches Ungeschick. Sicher ist aber, dass die inzwischen freigesetzte Eigendynamik mit jedem Tag schwerer zu bremsen ist.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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