Irak
Kommentar: Gefährliches Fieber

In Washington ist das Irak-Fieber ausgebrochen. Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht neue amerikanische Kriegspläne und Vorwände für einen Angriff auf den irakischen Diktator Saddam Hussein bekannt würden.

HB DÜSSELDORF. Je tiefer der Dow Jones fällt und je mehr US-Präsident George W. Bush an Popularität verliert, desto dringlicher scheint ein neuer Golfkrieg zu werden. Offenbar verleiten die wachsenden innenpolitischen Probleme den amerikanischen Präsidenten dazu, sein Heil nach dem erfolgreichen Afghanistan-Feldzug erneut im martialischen Register der Außenpolitik zu suchen. Ein siegreicher Feldzug gegen Saddam könnte das präsidiale Image aufpolieren - wie schon im letzten Golfkrieg 1991, aus dem Bush senior als strahlender Sieger hervorgegangen war.

Innenpolitische Erwägungen können und dürfen aber nicht die Frage nach der Legitimität eines Krieges ersetzen. Und diese Frage ist bisher völlig unzureichend beantwortet. Trotz intensivster Suche haben die US-Behörden bislang keinerlei Beweis für eine Verwicklung des Iraks in die Terroranschläge des 11. September vorlegen können, wie der US-Kongress erst gerade wieder monierte.

Auch für die neuerdings zunehmend geäußerte Vermutung, dass Saddam einen Angriff auf die USA vorbereiten könnte, fehlt jeder Beleg.

Keine Beweise vorgelegt

Derzeit ist nicht einmal klar, ob der irakische Diktator tatsächlich über einsatzbereite Massenvernichtungswaffen verfügt oder solche Waffen zur Einsatzreife entwickelt. Der britische Premier Tony Blair will zwar über entsprechende Beweise verfügen, hat sie aber bisher nicht vorgelegt.

Immer deutlicher wird hingegen, dass ein Angriff auf den Irak die gesamte Region destabilisieren könnte. Nicht nur Kuwait - immerhin Opfer der irakischen Aggression von 1990 - lehnt einen neuen Golfkrieg ab. Auch so treue US-Verbündete wie Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei warnen vor einem unüberlegten Waffengang.

Eine zweite Front neben dem hoffnungslos verfahrenen palästinensisch-israelischen Konflikt könne die Region nicht verkraften, erklärt der ägyptische Premier Hosni Mubarak. Die USA riskierten im Irak einen langen Krieg, warnt der gewiss nicht zimperliche türkische Premier Bülent Ecevit. Zudem könnte ein neuer Golfkrieg den Anhängern des Terroristenführers Osama Bin Laden neuen Auftrieb verschaffen, fürchten Nahostexperten.

Turbulenzen an Ölmärkten

Eine Destabilisierung der Golfregion hätte unweigerlich Turbulenzen an den Ölmärkten und Aktienbörsen zur Folge. Schon jetzt lastet die Terror- und Kriegsangst - neben Bilanzskandalen und Unternehmenspleiten - wie Blei auf den Märkten. Zumindest bis zum Sieg über Saddam könnte ein neuer Golfkrieg die Aktienkurse erneut in den Keller treiben. Auch auf den Ölmärkten sind Turbulenzen zu erwarten. Experten wie der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt sprechen von einem unkalkulierbaren Preisrisiko.

Was diese Unwägbarkeiten für die jetzt schon bedrohlich lahme Weltkonjunktur bedeuten, kann man sich lebhaft ausmalen.

Aus jetziger Sicht spricht daher wenig für, aber vieles gegen einen neuen Golfkrieg. Leider ist kaum zu erwarten, dass sich US-Präsident Bush von einem rationalen Kosten-Nutzen-Kalkül leiten lässt. So könnte am Ende die amerikanische Innenpolitik nicht nur über das Schicksal des Iraks entscheiden, sondern auch über die Weltwirtschaft.

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