Irak
Kommentar: Kein Blitzkrieg

Den Alliierten gelingt es nicht, die drittklassige Militärmacht Irak schnell zu besiegen.

Vom preußischen Philosophen Carl von Clausewitz stammt die Formel: "Im Krieg ist alles einfach - aber alles Einfache ist schwierig." Kaum etwas passt besser auf die gegenwärtigen Probleme der US-Regierung als das Clausewitzsche Paradoxon. Entgegen allen Warnungen hatte die zivile Führung in der Administration den Irak-Krieg immer wieder als militärischen Durchmarsch dargestellt. Vizepräsident Dick Cheney sprach "eher von Wochen als von Monaten". Der einflussreiche Pentagon-Berater Richard Perle sagte eine schnelle Massenkapitulation der irakischen Armee voraus. Und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war so vernarrt in das High-Tech-Arsenal der eigenen Bomber und Raketen, dass er das Regime in Bagdad praktisch durch ein Trommelfeuer an "chirurgischen Schlägen" kippen wollte.

Offensichtlich ist einigen Planern am Reißbrett die Phantasie durchgegangen. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Den Amerikanern und Briten gelingt es nicht, die drittklassige Militärmacht Saddam Husseins in einem "Blitzkrieg" zu bezwingen. Der Widerstand ist hartnäckiger als angenommen. Und die Bilder von glücklichen Irakern, die ihren "Befreiern" Fähnchen schwenkend zujubeln, sind bislang Mangelware. So verwundert es nicht, dass immer mehr US-Militärs Kritik an Rumsfelds Luftwaffen-Fetischismus üben.

Derlei Kritik ist Sand im Getriebe der amerikanischen Propaganda-Maschinerie. Deshalb hat Präsident George W. Bush seine Tonlage geändert: Der Optimismus wurde zurückgefahren - Bush spricht mittlerweile von einem "heftigen Krieg, der länger dauern kann". Um den Bildern vom stockenden US-Vormarsch ihre erodierende Wirkung zu nehmen, setzt Bush zunehmend auf die Moral als Waffe. Saddams Herrschaftssystem wird als hyperstalinistisches Regime gebrandmarkt, das seine Einwohner einschüchtere, foltere und vergewaltige. Erst wenn Saddam aus dem Amt gejagt sei, könnten die Iraker ihre Freude über die Demokratie ausdrücken, lautet die Botschaft dieser Dämonisierungskampagne.

Mit seiner Rhetorik kann sich Bush in der US-Öffentlichkeit Legitimität verschaffen. Unterfüttert wird dies durch die Frontberichte der amerikanischen Fernsehanstalten, die täglich Live-Bilder von technisch weit überlegenen US-Soldaten in die Wohnzimmer der Nation senden.

Gibt es eine Schmerzgrenze? Kann die Stimmung kippen? Auch wenn sich der Selbstmordanschlag vom Wochenende wiederholen sollte: An Bushs innenpolitischer Unangefochtenheit dürfte dies zumindest kurzfristig nichts ändern. Seine Zustimmungsrate von derzeit fast 70 Prozent würde vermutlich zunächst noch ansteigen, da die Amerikaner seit dem 11. September allergisch auf Terror reagieren. Und Vergleiche mit der Vergangenheit helfen kaum weiter: Der Vietnam-Krieg, der gelegentlich als Parallele für einen möglichen Einbruch an der Heimatfront herangezogen wird, dauerte 14 Jahre - rund 50 000 US-Soldaten wurden dabei getötet. Davon sind die Kämpfe im Irak weit entfernt. Gefährlich könnten für Bush allerdings massive Verluste in der irakischen Zivilbevölkerung werden. Gerade weil er die Moral als Kampfargument benutzt, hätte der Präsident dann große Rechtfertigungsprobleme.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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