Irak-Krieg: Analyse: Türkische Lektionen

Irak-Krieg
Analyse: Türkische Lektionen

Dass Nato-Partner Türkei den Vereinigten Staaten die Tür für den Aufbau einer Nordfront im Irak vor der Nase zugeschlagen hat, war die Konsequenz einer Serie von Missverständnissen – auf beiden Seiten

Die türkisch-amerikanischen Beziehungen haben in den vergangenen Wochen ein klassisches Beispiel dafür geliefert, wie man aneinander vorbeireden kann. Dass der Nato-Partner Ankara den Vereinigten Staaten die Tür für den Aufbau einer Nordfront im Irak vor der Nase zugeschlagen hat, war die Konsequenz einer Serie von Missverständnissen und Fehleinschätzungen - auf beiden Seiten.

Die USA haben wohl zu stark darauf vertraut, dass sie die Türken mit einer genügend großen Karotte schon in ihrem Sinne dirigieren könnten. Die Türkei jedoch wollte den Esel nicht spielen, der sich willenlos vor den US-Militärkarren spannen lässt, hat aber zu lange um die Milliarden für Kriegskompensationen gefeilscht. Dabei hat Ankara die strategische Bedeutung des Landes über-, die Stimmung in Bevölkerung und Partei zugleich sträflich unterschätzt. Jedenfalls war die Bestürzung in Ankara groß, als das Parlament die US-Truppenstationierung unterband, Washington der Türkei den Rücken kehrte und die Milliarden kurzerhand strich. Nun kommt die Türkei zunächst mit einem blauen Auge davon.

Dass US-Außenminister Colin Powell gestern ausgerechnet der Türkei als erstem Land während des Krieges seine Aufwartung machte, zeigt, dass die Sorgen Washingtons über den Kriegsverlauf größer als der Ärger über den wankelmütigen Partner sein müssen. Der Aufbau der bedeutsamen Nordfront aus der Luft gelingt nicht, solange der Nachschub nicht rollt. Diese bittere Lektion hat Washington in den letzten Tagen lernen müssen. Daher blieb der Türkei immer noch eine Trumpfkarte, um die USA nach dem Zerwürfnis in der ersten Phase des Irak-Krieges wieder zu beschwichtigen. Und die spielte Ankara gestern genüsslich aus.

Jetzt dürfen die Amerikaner ihre Verbände im Nordirak über türkisches Territorium logistisch mit Nahrung und Treibstoff unterstützen. Warum nicht gleich so, mag man fragen. Es hätte beiden Seiten eine Menge Ärger erspart. Doch die türkische Regierung, außenpolitisch noch unerfahren, musste wohl erst die diplomatischen Scherben auflesen, um erkennen zu können, wie sie aus der verfahrenen Situation wieder herausfindet. Dass Ankara nach langen Debatten nun zunächst auf die Entsendung weiterer Soldaten in den Nordirak verzichtet, um die Grenze gegen das Einsickern von Terroristen zu sichern, mag die Empörung in Washington ein wenig gemildert haben. Immerhin erhält die Türkei jetzt noch ein Trostpflaster von 1 Mrd. $ aus den USA. Das erlaubt Ankara zumindest, die schlimmsten Wunden im Haushalt zu schließen und die nervösen Finanzmärkte ein wenig zu beruhigen.

Doch selbst wenn die gröbsten Wogen geglättet scheinen und die Ängste der Türkei über eine Stärkung der Kurden im Nordirak gedämpft wurden, so bleibt Ankara in den Augen Washingtons doch ein unsicherer Kantonist. Und das dürfte langfristige Folgen für die Gestaltung der Beziehungen haben. Uneingeschränkt verlassen kann sich Washington nicht mehr auf einen Nato-Partner, der innen- und regionalpolitische Erwägungen auch schon mal über Bündnisdisziplin setzt.

Für die USA liefern diese Erfahrungen einen Grund mehr, sich auf Dauer in der Region militärisch und politisch einzunisten. Dann laufen die Fäden bei ihnen zusammen. Und die Türkei verliert an Bedeutung. Das dämmert Ankara erst sehr langsam.

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