Irak-Krieg: Kommentar: Fast am Ziel

Irak-Krieg
Kommentar: Fast am Ziel

Vielleicht dauert es nur noch Tage, vielleicht etwas länger. Dann werden US-Truppen Bagdad kontrollieren. Mit ihren Vorstößen in die Innenstadt haben die Streitkräfte den Irakern bereits gezeigt, wie nahe das Ende für Saddam Hussein ist.

Vielleicht dauert es nur noch Tage, vielleicht etwas länger. Dann werden amerikanische Truppen die irakische Hauptstadt Bagdad kontrollieren. Mit ihren Vorstößen in die Innenstadt haben die US-Streitkräfte den Irakern bereits gezeigt, wie nahe das Ende für Saddam Hussein ist. Diese Nadelstiche werden sie fortsetzen, um den Gegner weiter zu verunsichern. Das Ziel ist es, das Regime möglichst schnell zum Einsturz zu bringen und einen blutigen Häuserkampf zu vermeiden. Schon der versuchte Enthauptungsschlag am ersten Kriegstag war Teil dieser Strategie. Ob die USA damit Erfolg haben, hängt vor allem von der Geduld und Klugheit der militärischen Führung ab.

Nach dem Durchmarsch auf Bagdad in der letzten Woche ist es nicht leicht, jetzt, vor den Toren der Stadt, den Elan der eigenen Truppen zu bremsen. Zumal in der Heimat die Erwartungen eines schnellen Sieges stündlich steigen. Die schnellen Erfolge haben die Rückschläge der zweiten Kriegswoche bereits vergessen lassen. Das Ziel vor Augen bedeutet jedoch nicht, dass man den Sieg bereits in der Tasche hat. Im gesamten Krieg und vor allem im Entscheidungskampf um Bagdad ist der Sieg politisch und nicht militärisch definiert.

Nichts wird die Wahrnehmung des Krieges durch die irakische Bevölkerung und die arabische Öffentlichkeit so sehr prägen wie die Einnahme Bagdads. Ein Häuserkampf mit zahlreichen zivilen Opfern würde die ohnehin geringe Chance auf einen dauerhaften Frieden im Mittleren Osten zunichte machen. Die Koalition muss deshalb alles daransetzen, ein Gemetzel in Bagdad zu vermeiden. Das macht die militärische Aufgabe besonders schwierig.

An altklugen Ratschlägen hat es in diesem Krieg noch nie gefehlt. Und so gibt es auch für die Eroberung Bagdads zahlreiche Tipps von Generälen im Fernsehsessel. Einige verweisen auf die Taktik des persischen Königs Kyros, der im 6. Jahrhundert vor Christus im Flussbett des Euphrats die Stadtmauern unterlief. Andere warnen vor den Fehlern der Israelis bei ihrer blutigen Belagerung Beiruts 1982. Wahrscheinlicher ist, dass die Amerikaner auf die Taktik und Erfahrungen der Briten bei der Belagerung Basras zurückgreifen. Die südirakische Stadt wurde kurz nach Kriegsbeginn abgeriegelt. Danach haben die Briten mit gezielten Vorstößen die Verteidigung geschwächt und gleichzeitig versucht, die Gunst der Bevölkerung zu gewinnen. Gestern erst wurde das Stadtzentrum Basras von britischen Truppen gestürmt.

Selbst wenn den Amerikanern die Einnahme Bagdads in ähnlicher Weise gelingen sollte, können sie politisch immer noch scheitern. Sollte Saddam Hussein noch leben und wie Osama bin Laden seiner gerechten Strafe entkommen, wäre das ein herber Rückschlag. Der Schatten des Diktators könnte die Iraker beim Neuaufbau ihres Landes lähmen. Politisch fatal wäre es, wenn die Koalition nach Kriegsende keine Massenvernichtungswaffen im Irak finden sollte. Entweder weil es sie nicht gibt oder weil sie außer Landes geschafft worden sind. Ohne diesen Fund wäre die Legitimität des Krieges in den Augen der Welt völlig dahin. Und es besteht die Gefahr, dass die Amerikaner nicht als Befreier, sondern als Eroberer betrachtet werden. Schließlich vertrieben schon die Briten 1917 die Türken aus Bagdad - und verließen das Land erst Jahrzehnte später.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%