Irak-Krieg verlagert sich an Nordfront: Kirkuk von Kurden eingenommen

Irak-Krieg verlagert sich an Nordfront
Kirkuk von Kurden eingenommen

Nach der weitgehenden Einnahme von Bagdad hat sich der Irak-Krieg an die Nordfront verlagert. Britische und türkische Sender meldeten am Donnerstag die Besetzung der nordirakischen Stadt Kirkuk durch kurdische Milizen mit Unterstützung amerikanischer Spezialeinheiten. Kirkuk mit rund einer halben Million Einwohnern ist eines der großen Zentren der Ölförderung im Norden.

HB/dpa BAGDAD. Aus Bagdad wurden nur noch vereinzelte Schießereien gemeldet. Unterdessen begannen erste Bemühungen um den Aufbau einer irakischen Übergangsregierung. Die USA bereiten dazu eine Serie von Treffen irakischer Exilpolitiker und lokaler Führer vor.

Bei ihrem Einmarsch in Kirkuk seien die kurdischen Milizen und US- Spezialeinheiten nicht auf Widerstand gestoßen, berichteten BBC und der türkische Nachrichtensenders NTV. Eine NTV-Reporterin sagte: "Es gibt keine Gefechte, keinen Widerstand." Die Peschmerga seien in der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt mit Jubel empfangen worden. Es gebe auch Plünderungen. BBC berichtete von "Widerstandsnestern".

Der US-Nachrichtensender CNN meldete am 22. Kriegstag die bisher schwerste Bombardierung irakischer Stellungen im Norden des Landes. Erstmals würden auch größere US-Panzerverbände eingesetzt. Auch Tikrit, die Heimatstadt des gestürzten irakischen Präsidenten Saddam Hussein, wurde aus der Luft angegriffen. Militärexperten rechnen vor allem dort noch mit größerer irakischer Gegenwehr. Der arabische Fernsehsender El Dschasira meldete Kämpfe aus der 130 Kilometer südlich von Bagdad gelegenen Stadt Hilla.

In Bagdad sei die Lage relativ ruhig, berichteten dpa- Korrespondenten. Allerdings sei die deutsche Botschaft geplündert worden. Die Bürger hätten sich in ihre Häuser und Wohnungen zurückgezogen, sagte ein CNN-Reporter. Er habe "enorme Zerstörungen" bei seiner Fahrt durch südliche Vororte der Fünf-Millionen-Stadt gesehen. Das Leben beginne sich nur langsam zu normalisieren. Fast alle Geschäfte seien immer noch geschlossen und nur wenige Menschen auf den Straßen. Es gebe nur noch wenige Anzeichen von Plünderungen.

Die alliierten Truppen konzentrierten sich auf die Bekämpfung von Widerstandsnestern kleinerer Gruppen von Fedajin-Kämpfern. Rund um die Hauptstadt richteten die Amerikaner Straßenkontrollpunkte ein. CNN-Reporter beobachteten, wie Einwohner von Bagdad, die ihre Häuser verlassen und vorübergehend aufs Land geflüchtet waren, in kleinen Gruppen zurückkehrten.

Die amerikanischen Bodentruppen wollen ihre Präsenz in Bagdad ausweiten. CNN zitierte einen hohen Militär, wonach die Truppenstärke in Bagdad in den kommenden 48 Stunden verdoppelt werden soll. Bisher ist nach US-Angaben eine gepanzerte Infanteriebrigade in der Stadt.

Das Schicksal des 65-jährigen Saddam Hussein ist weiter unklar. Es gibt Gerüchte, dass Saddam in seine Heimatstadt Tikrit oder in die Kleinstadt Bakuba bei Bagdad geflüchtet sein könnte.

Die britischen Truppen in der südirakischen Stadt Basra riefen die die Einwohner zur Abgabe ihrer Waffen auf. Jeder könne seine Waffen in eine Grube in der Nähe eines britischen Lagers werfen, berichtete BBC. Hauptmann Cliff Dare sagte, so solle die hohe Zahl der in Umlauf befindlichen Pistolen und Gewehre verringert werden. Die Plünderungen in der zweitgrößten irakischen Stadt seien bereits zurückgegangen.

Nach drei Wochen Krieg hat sich das irakische Regime aufgelöst. Der irakische UN-Botschafter Mohammed el Douri sagte dazu am Mittwochabend in New York: "Das Spiel ist aus. Ich hoffe, der Frieden wird sich durchsetzen." Er habe keinen Kontakt mehr zur irakischen Führung.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warnte hingegen am Mittwochabend, der Krieg sei noch nicht vorbei. Vor den alliierten Streitkräften lägen noch Herausforderungen und Gefahren. Vor allem müssten Saddam und dessen Söhne gefunden werden.

Die USA leiten unterdessen erste Schritte für eine Nachkriegsordnung im Irak ein. Ort und Datum eines von den Washington USA vermittelten Treffen irakischer Exilpolitiker mit lokalen Führern stünden noch nicht fest. "Das wird das erste einer Serie regionaler Treffen sein", sagte US- Außenamtssprecher Richard Boucher.

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac äußerte sich am Donnerstag erfreut über den Sturz der Diktatur Saddam Husseins. Er wünsche sich eine "rasche Beendigung der Kämpfe". Nach einer notwendigen Phase der Sicherung müsse das Land "mit der Legitimität der Vereinten Nationen seine vollständige Souveränität" wiederfinden. Chirac wollte am selben Tag in St. Petersburg mit Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder über ihre weitere Haltung zum Irak-Konflikt beraten.

Trotz der Einnahme weiter Teile Bagdads zeichnet sich keine Verbesserung der katastrophalen Lage in den Krankenhäusern ab. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach in Genf von völlig überlastetem Personal und schlechter Versorgung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) stellte wegen der angespannten Sicherheitslage und des Todes von drei Mitarbeitern in der Haupstadt die Arbeit vorübergehend ein. Rund 100 000 irakische Flüchtlinge kampieren nach einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zur Zeit an der iranischen Westgrenze.

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