Irak-Krise
Analyse: Bushs Kalkül geht auf

US-Präsident George W. Bush schickt zurzeit seine stärksten PR-Bataillone in die Propaganda-Schlacht gegen Bagdad. Massiert wie nie rauschen Bush selbst, sein Vize Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice über alle Fernsehkanäle.

Die Botschaft: Der irakische Diktator Saddam Hussein arbeitet fieberhaft an Atomwaffen; seine Frist ist abgelaufen. Selbst Außenminister Colin Powell, für viele Europäer immer noch Amerikas Mister Multilateral, dreht bei.

Damit ist das Ende der Zweideutigkeiten erreicht. In anderen Teilen der Welt hatte man zuvor darauf gehofft, dass die US-Regierung durch ihre zeitweise aufgetretene Mehrstimmigkeit noch einen gewissen Manövrier-Spielraum aufweise. Dies hat sich als Illusion entpuppt. Die Kommunikations-Strategie des Weißen Hauses war bereits seit Wochen klar abgezirkelt. Bush schickte Ende August Cheney vor, der in einer flammenden Rede vor den Gefahren von Saddams Massenvernichtungswaffen warnte. Einen Tag später legte Rumsfeld mit seinem Plädoyer für Präventivschläge nach. Beide Vorstöße hatten eine Art Blitzableiterfunktion, die öffentlichen Unmut über einen Militär-Einsatz kanalisieren sollte. Der Präsident war auf diese Weise gegen Einwände geschützt, und die Debatte kam dennoch in seinem Sinne ins Rollen.

Seit dem Ende der politischen Sommerpause Anfang September läuft die amerikanische Propaganda-Maschine auf Hochtouren. Mit einem geschickt eingefädelten Doppelschlag will Bush in dieser Woche die Skeptiker auf seine Seite ziehen. Der 11. September ist dabei als Tag der patriotischen Einkehr vorgesehen. In den Gedenkreden ein Jahr nach den Terroranschlägen wird immer wieder der Vergleich mit Pearl Harbor auftauchen - jenem Angriff 1941, der die Nation erstmals mit dem Unvorstellbaren konfrontierte. Bush wird über den Schmerz der Angehörigen sprechen, mehr aber noch über Amerikas Heldentum und Entschlossenheit.

Der 11. September wird erneut in den seelischen Wunden der Supermacht rühren. Gleichzeitig kann der Präsident noch einmal die Kraft anzapfen, die ihn vor einem Jahr nach oben trug: die Einheit der US-Bürger. Getragen von dieser emotionalen Grundstimmung, tritt Bush am 12. September vor die Vereinten Nationen. Es wird ein Tag des Zorns, an dem der Präsident den Bogen schlagen wird von einzelnen Terrorgruppen bis hin zu Staaten mit Massenvernichtungswaffen. Aus dem Gefühl der Bedrohung leitet Bush das Recht zum Präventivschlag ab. Offen ist bislang, ob er durch eine neue Uno-Resolution oder ein Ultimatum an Saddam eine formale diplomatische Komponente einbaut.

Der Präsident wird sich als Sachwalter des Weltfriedens präsentieren und die Solidarität der Verbündeten einfordern. Dabei setzt er darauf, dass noch vorhandene Gegenargumente unter dem publizistischen Trommelfeuer der einzig verbliebenen Supermacht zerbröseln. Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Bushs Kalkül aufgeht. Sowohl die Regierungen in Frankreich als auch in Spanien haben signalisiert, dass sie sich einen Militär-Einsatz gegen Saddam nach einem Uno-Ultimatum durchaus vorstellen könnten. Bundeskanzler Gerhard Schröder steht mit seinem strikten Nein zunehmend allein auf weiter Flur.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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