Irak-Krise: Analyse: Pragmatiker Putin

Irak-Krise
Analyse: Pragmatiker Putin

Weltweit wird die Frage diskutiert, wie laut das "Njet" der Russen im Uno-Sicherheitsrat tatsächlich ist. Außenminister Iwanow hat sich weit vor gewagt, aber was denkt Putin?

Wie laut ist das "Njet" der Russen im Uno-Sicherheitsrat? Und kann man der Veto-Androhung von Außenminister Igor Iwanow trauen - oder entscheidet am Ende doch Kremlherr Wladimir Putin allein? Diese Fragen werden sowohl in Russland als auch in den USA und Europa diskutiert. Denn die Russen hatte die US-Administration auf Grund der guten Beziehungen der beiden Präsidenten Putin und Bush sicher auf ihrer Seite gewähnt. Und hatte Putin nicht immer stillschweigend abgenickt, als es um früher so emotional aufwühlende Themen wie Nato-Osterweiterung oder Kündigung des ABM-Rüstungskontrollvertrags ging?

Die Amerikaner haben aber diesmal den Bogen überspannt. Dabei hätte die Bush-Administration im Polit-Poker um den Irak gegenüber Russland durchaus mehr Trümpfe ausspielen können als die Polit-Zocker im "alten" Europa. Als möglicher Trumpf seien nur die gewaltigen Einnahmen genannt, die nach Moskau flössen, wenn die USA die Wiederaufarbeitung abgebrannter amerikanischer Brennstäbe in Russland genehmigen würden. Doch Bush hat dazu ebenso wenig eine klare Position formuliert, wie er konkrete Schritte unternommen hat in der zugesagten Unterstützung für Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation. Die Abschaffung der US-Handelssanktionen gegen Russland ("Jackson-Vanik"-Klausel) wird seit fast zehn Jahren versprochen, passiert ist nichts. Auch die angekündigten Milliarden-Investitionen von US-Konzernen in die russische Energiewirtschaft sind Kopeken-Rinnsale statt rollender Rubel.

Warum also sollte Russland den USA glauben, wenn dem Kreml die Einhaltung russischer Ölabkommen im Irak versprochen wird? Und wann waren Bush und sein Außenminister Powell zuletzt in Moskau, um wie Schröder und Chirac den Kremlherrn unter vier Augen auf ihre Seite zu ziehen? Vielmehr konnten interessierte Zuhörer in Moskau immer nur die Bereitschaft der USA zum Alleingang nach Bagdad hören. Diese Position aber ist für die gefallene Supermacht Russland unakzeptabel. Vielmehr vertritt Putin das Konzept der so genannten multipolaren Weltordnung - einer Erde also mit mehreren Machtzentren statt einem Weltpolizisten und befehlsempfangenden Hilfssheriffs. Der Preis für die Politik der USA ist ein diplomatischer Super-Gau mit der Isolation Bushs und Blairs statt Schröders.

Doch Putin wird am Ende hoffen, dass es zu keiner neuen Abstimmung kommt - denn dann muss er sich in der Zerreißprobe zwischen "alten" Europäern und den USA nicht festlegen. Das wäre seine Lieblingsrolle: Zwischen allen Stühlen sitzend es so zu richten, dass es Russland passt. Pragmatiker Putin.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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