Irak-Krise
Analyse: Schöne neue Welt

Die erste Bombe ist noch nicht gefallen, doch die Liste der Schäden ist schon lang. Tiefe Risse ziehen sich kreuz und quer durch Europa und dur´ch die ganze Welt.

Die erste Bombe ist noch nicht eingeschlagen, doch die Liste der Schäden ist schon lang. Tiefe Risse ziehen sich kreuz und quer durch Europa. Symbolträchtig halten die "Atlantiker" Blair und Aznar mit George W. Bush auf den Azoren Kriegsrat - und die "Gaullisten" Chirac, Schröder und Putin kämpfen verbissen, aber ohne Hoffnung, gegen den heraufziehenden Krieg an.

Die Flurschäden sind konkret. Die Nato hat ihre Kraft verloren, die gemeinsame Außenpolitik der EU ist als Schimäre enttarnt, selbst die Osterweiterung leidet. Maximale Unsicherheit hält die Märkte im Griff und minimiert jede Wachstumserwartung. Die transatlantische Partnerschaft und mit ihr die gesamte internationale Sicherheitsarchitektur rund um den Uno-Weltsicherheitsrat drohen zu zerbrechen.

Selbst die so mächtigen USA sind beschädigt: Das alte Vorbild wird in weiten Teilen der Welt mit Misstrauen beäugt, wenn nicht gehasst. Wie kam es so weit? Sicher wird Saddam Hussein das diplomatische Chaos als letzten Triumph feiern - doch war das virtuose Katz-und- Maus-Spiel des Diktators mit der Uno nur Anlass, nicht Ursache dieser Kollateralschäden.

Verantwortlich ist die Außenpolitik der USA. Die Administration von George W. Bush hatte von Anfang an arrogante Verachtung für multilaterale Kooperation gezeigt. Nach dem 11. September aber schwenkte sie auf den Kurs der imperialen Hypermacht ein, die dank massiver militärischer Überlegenheit ihre eigenen Regeln setzt. Im Irak-Konflikt versuchte sie zwar, die Uno ins Boot zu bekommen, erfüllte die Voraussetzungen aber nicht: Weder räumte Washington Zweifel am wahren Kriegsgrund aus, noch bewies es Bagdads Besitz von Massenvernichtungswaffen. Ominöse Äußerungen über die Ziele nach dem Irak- Krieg und die aggressive Strategie präventiver Angriffe weckten selbst unter Europas Atlantikern Misstrauen.

Auch die "Achse des Friedens" ist nicht ohne Fehl. Frankreich, Deutschland und Russland hatten im November die Uno-Resolution 1441 akzeptiert - und damit auch die Logik des Krieges: Sollte das Regime in Bagdad nicht binnen 30 Tagen alle verbotenen Waffen offen legen, drohe Krieg. Dazu gehörte auch eine Logik des Friedens: Saddam durch diesen massiven Druck zur Kapitulation zu zwingen. Doch diese Drohkulisse wurde schnell von der Bundesregierung unterhöhlt; dann warfen kategorische Veto-Drohungen aus Paris und Moskau die Uno aus dem Spiel.

Das Ergebnis ist eine beispiellose diplomatische Konfrontation, in der es längst nicht mehr um Saddam geht - sondern allein um die Stellung der USA in der neuen Weltordnung. Verbittert stemmen sich die "Gaullisten" gegen den Anspruch der USA, als konkurrenzlose Militärvormacht die eigenen Spielregeln über das Völkerrecht zu stellen. Statt Blairs Strategie zu stärken, den USA durch Kooperation Zügel anzulegen, trieben Chirac & Co. die Amerikaner in den Alleingang.

Wie wird die "neue Weltordnung" aussehen, wenn sich der Rauch über dem Irak verzieht? Wenn der Krieg rasch und mit relativ wenig Toten entschieden werden sollte, sehen sich die Falken hinter Bush bestätigt, die Uno zu demontieren und auf Vasallen- statt Partnerschaft zu setzen. Das aber bringt einen neuen, weit gefährlicheren Spaltpilz in die Welt, wie wir sie kennen: den Konflikt zwischen einer unilateralen Hegemonialpolitik und einer multilateralen, auf Kooperation verpflichteten Weltwirtschaftsordnung.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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