Irak-Krise spitzt sich weiter zu
USA richten sich auf Blitzkrieg ein

Es war ein kaum verhülltes Ultimatum. Die Vereinten Nationen müssten endlich "Rückgrat gegenüber dem Irak beweisen", forderte US-Präsident George W. Bush am Wochenende. Sollte der Sicherheitsrat die Uno-Resolutionen allerdings nicht zügig durchdrücken, seien die USA zu einem militärischen Alleingang bereit. "Wenn wir mit dem Problem fertig werden müssen, packen wir es auch an", drohte Bush.

WASHINGTON. Der Druck auf die Uno nimmt derzeit auf allen Ebenen der amerikanischen Administration zu. "Entweder die Vereinten Nationen bewegen sich sehr schnell, oder sie werden bedeutungslos", betonte ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Außenministeriums, der sich vor wenigen Monaten noch kritisch über einen möglichen Präventivschlag geäußert hatte.

Nach Angaben des Weißen Hauses in Washington streben die Amerikaner eine Uno-Resolution mit einer knapp bemessenen Frist an, wobei Waffeninspektoren im Irak jederzeit und überall Zugang haben sollen. Bei einem Verstoß müsse der irakische Staatschef Saddam Hussein mit militärischen Konsequenzen rechnen. An eine diplomatische Lösung glaubt in Washington jedoch fast niemand mehr. "Es geht im Grunde nur noch darum, eine Art Uno-Legitimation für einen Angriff zu schaffen", betonte ein hochrangiger Mitarbeiter des Pentagon.

Außenminister Joschka Fischer hatte am Samstag noch einmal vor den Folgen eines Angriffs gewarnt. "Wir wollen keinen Automatismus hin zur Anwendung militärischer Zwangsmaßnahmen", sagte Fischer vor der Uno-Vollversammlung in New York. Allerdings habe es Saddam in der Hand, durch die Zulassung von Uno-Waffeninspektoren eine "große Tragödie" abzuwenden. Ähnlich argumentierten die Vertreter der arabischen Staaten. Volle Rückendeckung bekam Bush hingegen durch den britischen Außenminister Jack Straw und Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der Bush auf dessen Landsitz in Camp David besuchte.

Einwöchiges Manöver in Katar

Parallel zur massiven Werbekampagne der US-Regierung laufen die militärischen Vorbereitungen auf Hochtouren. Neuestes Indiz ist die Entscheidung des Pentagon, einen Teil des US-Oberkommandos für den Mittleren Osten und Vorderasien von Florida in den Golfstaat Katar zu verlegen. 600 Mitglieder des Gefechtsstabes von General Tommy Franks werden dort im November an einem einwöchigen Manöver teilnehmen.

Das amerikanische Verteidigungsministerium hat bereits eine gewaltige Streitmacht am Golf zusammengezogen. Darunter befinden sich mindestens 5000 Soldaten in Camp Doha in der kuwaitischen Wüste, knapp 40 Kilometer von der irakischen Grenze entfernt. Hinzu kommen mehrere tausend Mitglieder der Luftwaffe mit zahlreichen Flugzeugen auf dem Stützpunkt El Dschabar in Kuwait. Rund 5000 Soldaten sind in Saudi-Arabien stationiert. Die Kommandozentrale der Marine-Infanterie für den Mittleren Osten und Vorderasien ist in Bahrain angesiedelt, nördlich von Katar. Ein Flugzeugträger und der dazugehörige Schiffsverband mit rund 5000 Seeleuten patrouilliert im Persischen Golf. Weitere Einheiten der US-Luftwaffe befinden sich in Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Pentagon setzt vor allem auf die Unterstützung durch die Türkei, Kuwait und Katar. Offenbar hat sich die Administration in Washington bereits den Segen europäischer Staaten für Überflugrechte und die Nutzung von US-Militärbasen geholt. "Hier wird es keine Probleme geben", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Pentagons gegenüber dem Handelsblatt.

Angriff wahrscheinlich zwischen den Monaten November bis Februar

Als wahrscheinlicher Zeitraum für einen Angriff gelten unter Experten nach wie vor die Monate November bis Februar. Aus den Planungsstäben des US-Verteidigungsministeriums heißt es jedoch, sobald entsprechende Resolutionen von der Uno und vom amerikanischen Kongress vorlägen, sei eine Militäraktion grundsätzlich jederzeit möglich. Damit wäre auch ein Zeitpunkt vor den Kongresswahlen Anfang November theoretisch denkbar.

Anders als in Afghanistan will das Pentagon den Irak mit einem "Blitzkrieg" in die Knie zwingen. "Wegen der Gefahr von Massenvernichtungswaffen muss die Aktion innerhalb von einigen Tagen abgeschlossen sein", betonte ein hochrangiger Regierungsbeamter. Das Tückische daran sei, dass Saddam biologische und chemische Kampfstoffe unter Moscheen, Schulen und Krankenhäusern verborgen habe. US-Spezialeinheiten seien darauf trainiert worden, dieses Material innerhalb kürzester Zeit zu zerstören, hieß es aus dem Pentagon. Zuvor müsse die Luftwaffe jedoch mit "chirurgischen Schlägen" die irakischen Kommando-Strukturen, das Kommunikations-System sowie das Netz der Geheimdienste ausschalten.

Unterdessen stellte US-Außenminister Colin Powell klar, dass den USA keine Beweise über eine Zusammenarbeit des Terrornetzwerks El Kaida mit dem Irak vorliegen. "Es gibt Indizien, dass es einige Kontakte gab. Aber wir haben keine Lunte, die den Irak mit den Anschlägen vom 11. September in Verbindung bringt", sagte Powell. Der Druck auf den Irak habe weniger mit Terrorismus als mit der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen zu tun.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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