Irak
Mächtige im Wartestand

Ein Wochenende lang hat die irakische Opposition so getan, als sei Saddam Hussein schon gestürzt. Es ging nicht nur um eine neue Verfassung - sondern auch um Macht.

Immer wenn die Sprechchöre einsetzen, verzieht sich Ahmed Barzan in die zweite Reihe. Der 26-Jährige überlässt es einer Gruppe von Frauen, laut ihren Zorn über Saddam Hussein herauszuschreien. Dabei hätte Barzan allen Grund, in die Schmährufe einzustimmen. Denn als Zwölfjähriger hat er ein Ereignis miterlebt, das für die irakischen Kurden zum Trauma wurde. Am 16. März 1988 griffen Saddams Truppen die Stadt Halabja mit Giftgas an. Nur die schnelle Flucht rettete Barzans Leben. Seine Tante, ihre sieben Kinder und die Familie seines Cousins starben. 20 Verwandte sollte er nie wiedersehen.

Auf den Senf- und Nervengasangriff folgten für Barzan drei Jahre im iranischen Exil, die Rückkehr in die zerstörte Heimat und ein paar Jahre später die Emigration nach England. Und an diesem Samstagnachmittag steht er mit kurdischen Freunden an der Ecke Edgeware Road und Praed Street im Londoner Stadtteil Bayswater. Gegenüber, im schicken Hotel Hilton Metropol, berät die irakische Opposition über die Zeit nach Saddam Hussein. "Ich wünsche denen von Herzen Erfolg", sagt Barzan. Die Umstehenden nicken heftig.

Drinnen im Metropol hat am Morgen das Schaulaufen der Chefs ohne Staat begonnen. 360 Delegierte und noch mehr Journalisten tun zwei Tage lang so, als sei der Abgang des Tyrannen von Bagdad schon Realität. So mancher vergleicht den Aufmarsch der Exiliraker mit der ersten Afghanistan- Konferenz in Bonn. Schließlich wird auch hier nicht nur über eine mögliche neue Verfassung verhandelt, sondern auch um Macht und Einfluss gerungen. Aber als sich im Dezember 2001 afghanische Bewegungen, ethnische Gruppen und Parteien auf dem Petersberg versammelten, waren die Taliban bereits aus Kabul vertrieben. In Bagdad dagegen sitzt Saddam Hussein fest im Sattel.

Die meisten Delegierten aber scheinen ihre Ohnmacht zumindest für dieses Wochenende zu verdrängen. Endlich hat sich die heillos zerstrittene Opposition gemeinsam an einem Ort versammelt, endlich kann eine Blaupause für den neuen Irak diskutiert werden, in der sich die höchsten Ideale wiederfinden: Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz. Der Irak soll als friedliches Land wieder auferstehen, als Vorbild für den gesamten arabischen Raum. "Wir werden freie Wahlen abhalten, und jeder Bürger wird eine Stimme haben", ruft Abdul Aziz Hakim den Delegierten zu.

Doch noch mehr Applaus erhält der Abgesandte des Schiitischen Rates für die Islamische Revolution (Sciri), als er darauf drängt, die großen Ölreserven des Landes nicht fremden Mächten zu überlassen. "Wir dürfen keine ausländische Herrschaft über unseren Reichtum zulassen", fordert Hakim - und die Delegierten rufen "Gelobt sei Mohammed!" Der Schiit aus dem iranischen Exil hat zielsicher einen heiklen Punkt getroffen. Viele hier sorgen sich, dass jene, die das Kriegsgeschäft erledigen, einen Teil vom Kuchen verlangen werden - sofern sie ihn sich nicht einfach nehmen. Die Opposition will zwar Saddam Hussein loswerden, sich aber nicht automatisch einen amerikanisch-britischen Hegemon ins Land holen.

Dessen graue Eminenz sitzt in London bereits mit im Saal: Zalmay Khalilzad, vor gerade mal zwei Wochen zum amerikanischen Sondergesandten für die "freien Iraker" ernannt. Die US-Regierung hätte kaum eine schillerndere Persönlichkeit für diesen Job finden können. Khalilzad ist alles auf einmal: Diplomat, Ölmanager, Moslem und George Bushs Geheimwaffe im Mittleren Osten und in Zentralasien. Jahrelang diente er dem Pentagon und später dem amerikanischen Mineralölkonzern Unocal.

Schon einmal hat Khalilzad US-Interessen umgesetzt. Selbst gebürtiger Afghane, sorgte er im Juni dafür, dass Bushs Favorit Hamid Karsai die Loya Jirga in Kabul als Präsident verließ - und nicht der greise Ex-König Zahir Schah.

Bei den irakischen Exilanten genießt Khalilzad größten Respekt - aber sie haben auch Angst vor ihm. Die Opposition steckt in einer Falle: Sie weiß nicht, wie sie mit den übermächtigen USA umgehen soll. Die Frontmänner wollen es sich nicht mit den Amerikanern verderben. Sie wollen vor dem Publikum hier in London aber auch nicht als bedingungslose Gefolgsleute Bushs dastehen.

"Die Amerikaner haben uns mehrmals im Stich gelassen", kritisiert deshalb selbst der Liebling der amerikanischen Militärs, Ahmed Chalabi. Aber, schränkt der Präsident des Irakischen Nationalkongresses (INC) dann ein, " ich bin stolz darauf, dass Präsident Bush das Programm der irakischen Opposition übernommen hat".

Wenn Chalabi nicht gerade selbst spricht, bewegt er sich wie ein Staatschef im Wartestand durch die Korridore des Metropols. In den überfüllten Fluren schaffen seine Bodyguards herrisch Platz für ihn. In Mikrofone und Fernsehkameras spricht er erst, wenn deren Zahl eine kritische Masse erreicht hat. Dann diktiert Chalabi den Journalisten seine Wahrheiten und verschiebt wie ein König Bauern, Springer und Türme auf dem irakischen Schachbrett.

"Jeder präsentiert sich so, wie er meint", kommentiert ein Kurde süffisant diesen Laufsteg der Eitelkeiten. Er weiß, dass nur seine eigenen Leute hier mehr als schöne Worte anzubieten haben: ein militärisches Aufmarschgebiet im Norden des Iraks, rund 30 000 "peschmerga", erfahrene Kämpfer, und das Bewusstsein, zumindest einen Teil des Landes bereits selbst zu regieren. Die von Jalal Talabani und Massud Barzani geführten, lange verfeindeten Kurden-Gruppierungen haben kürzlich sogar ein gemeinsames Parlament gebildet. Sie sind die überzeugendste Kraft der Opposition. Da mag sich der Beau Chalabi noch so elegant in den Salons des Westens bewegen. Die beiden Kurdenführer kennt selbst in Saddams Irak jedes Kind. Den Namen Chalabi hört man dagegen nur im Exil. Und was zählt das schon, wenn erst wieder in Bagdad die Musik spielt. Genau das mag sich auch Zalmay Khalilzad denken. "Gegen den macht Chalabi keinen Stich", raunt einer, der die Szene lange kennt.

Also wird drinnen im Hotel die eigentliche Führungsfrage erneut vertagt. Ein Koordinierungsrat soll die wichtigsten Gruppen bei der Stange halten, bis es ernst wird. Dann kann sowieso alles wieder anders kommen. Und ebendas macht alle so nervös. Fast alle. Nur nicht die Kurden. Drinnen wie draußen. Dort, hinter der eisernen Absperrung im englischen Regen, rufen sie immer noch "Weg mit dem Tyrannen Saddam Hussein!"

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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