Irak, Nordkorea und ein Regierungswechsel lasten auf den Kursen: Fülle an Problemen drückt Seouls Börse

Irak, Nordkorea und ein Regierungswechsel lasten auf den Kursen
Fülle an Problemen drückt Seouls Börse

In den vergangenen Jahren gehörte Südkorea zu den Lieblingen der Anleger. Doch seit Mai ist der Kospi-Index um ein Drittel eingebrochen. Zyklische Abkühlung und politische Risiken dürften noch mindestens bis zum Sommer auf den Kursen lasten. Doch mittelfristig herrscht unter Analysten Zuversicht.

TOKIO. Die Anleger in Korea sind nervös. Als das kommunistische Nachbarland Nordkorea zum Wochenanfang eine Rakete ins japanischen Meer abschoss, fiel der Kospi- Index am Tag darauf prompt um 3,9 % und gab auch gestern noch einmal leicht nach. Mit 590 Punkten hat der Kospi innerhalb eines Jahres ein gutes Fünftel an Wert verloren, seit Mai sogar ein Drittel. Und das obwohl die südkoreanische Wirtschaft 2002 um gut 6 % gewachsen ist. Was ist los mit dem Liebling der Investoren?

In der zweiten Hälfte 2002 kühlte die Inlandsnachfrage ab, restriktivere Regeln lassen die Kreditnachfrage sinken. Dazu kam ein Unsicherheitsfaktor nach dem anderen: ein möglicher Irak-Krieg, der Atomstreit mit Nordkorea und ein Regierungswechsel im eigenen Land mit einem jungen Präsidenten, der die in- und ausländische Wirtschaft erst noch von sich überzeugen muss.

Doch durch die schnelle Erholung von der Asienkrise 1997 bietet Südkorea eine solide Wirtschaftsstruktur, lobte auch die OECD. Viele Analysten sind daher optimistisch, dass es nach Überwindung der politischen Risiken wieder spürbar aufwärts geht an der Börse Seoul. "Wir haben keinen Zweifel, dass Südkorea wieder zum Investorenliebling wird", sagt Daniel Yoo, Stratege bei der Investmentbank Salomon Smith Barney in Seoul.

Voraussetzung für eine baldige Kurserholung ist, dass sich die Konfliktherde schnell auflösen. Bei einem längeren Irak-Krieg etwa erwartet das Samsung Wirtschaftsforschungsinstitut, dass Koreas Bruttoinlandsprodukt 2003 um weniger als 3 % wachsen könnte. Das LG Forschungsinstitut ist optimistischer: 4 % seien auf jeden Fall drin. Derzeit gegen die Ökonomen davon aus, dass die drei politischen Risiken - Irak, Nordkorea und die Unsicherheit über die neue Regierung - im ersten Halbjahr überwunden werden. Dann rechnen sie mit 5 % Wachstum. Für dieses Szenario setzt Yoo von Salomon Smith Barney ein Kursziel von rund 900 Punkten für den Kospi; +/- 70 Punkte. Bis die politischen Risiken jedoch gelöst sind, werde der Index bei 550 bis 650 Punkten dümpeln.

"Die Situation ist ernster als wir noch Ende 2002 geglaubt haben", meint Kim Gi-Siung vom LG Forschungsinstitut. Vor allem ein möglicher Krieg im Irak belaste, denn kein anderes Land in Asien ist so abhängig vom Ölpreis wie das ressourcenarme Südkorea. Steigt der Ölpreis um 10 $, sinkt das BIP-Wachstum um mehr als einen Prozentpunkt, rechnen Ökonomen vor. Zudem könnten die wichtigen Exporte in die USA mit einen Irak- Krieg einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Noch stützen gerade sie die Wirtschaft. Kim erwartet, dass der Aktienmarkt bis zum Beginn eines Irak-Krieges weiter nachgeben wird, dann aber in Erwartung eines baldigen Endes schnell wieder anziehen könnte. Yoo indes meint, der Nordkorea-Faktor werde die Erholung in Südkorea verlangsamen, andere Länderindizes würden schneller steigen. "So erklärt sich die Kaufzurückhaltung trotz der niedrigen Bewertungen."

Der Aggressor in Pjöngjang beeinflusst Seouls Börsenkurse ohne Frage. Der Kospi knickte nach der US-Ankündigung eines heimlichen Atomprogramms Nordkoreas ebenso ein wie nach der Ausweisung der Atominspektoren. Jüngst stufte die Ratingagentur Moody?s den Ausblick südkoreanischer Staatsanleihen (A3) von positiv auf negativ herab. Hauptgrund: "Die gestiegene Unsicherheit wegen Aktionen Nordkoreas und möglicher Antworten von der internationalen Gemeinschaft". Andere Agenturen halten ihr Rating vorerst stabil.

Zuversichtlich sind die meisten Experten, dass sich die Verunsicherung über die Wirtschaftspolitik im Land schnell legen wird. In den nächsten Monaten werden Zinssenkungen und Wirtschaftshilfen erwartet, die das Konsumentenvertrauen stärken und eine mögliche Exportschwäche ausbügeln sollen. "Wir ziehen noch Exportwerte vor, aber raten unseren Kunden, schrittweise auf Inlandswerte umzuschichten", sagt Yoo. Beispiele seien Finanztitel, Lebensmittelanbieter und Kaufhausketten wie Shinsegae. Analyst Kim Sun-Bae von Goldman Sachs ist skeptischer: "Wir glauben wir sind erst in den frühen Tagen einer Abwärtsetappe des Kreditkreislaufs. Das heißt, dass der Abwärtsdruck auf die Inlandsnachfrage sich wahrscheinlich in der nächsten Zeit nicht umkehren wird."

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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