Irak-Politik
Analyse: Blair ist kein ehrlicher Makler

Die Würfel sind gefallen. Nach wochenlangem Zögern und Zaudern hat sich der britische Premier Tony Blair in der Irakkrise hinter die USA gestellt. Als erster und bisher einziger Staatsmann von Rang signalisierte Blair öffentlich Bereitschaft, den Amerikanern in einen eventuellen Irakkrieg zu folgen.

Als erster skizzierte er auch eine Kompromisslinie zwischen den amerikanischen "Falken" um Vizepräsident Dick Cheney und den "Tauben" um Außenminister Colin Powell. Damit lieferte Blair US-Präsident George W. Bush eine Steilvorlage - und das just in dem Moment, da Bush den skeptischen US-Kongress auf seine Kriegspläne einschwören möchte.

Und so glänzt Blair wieder einmal in seiner liebsten Rolle - der des engsten und besten Freundes der Amerikaner. Diese exponierte Rolle ist angesichts der britischen Geschichte nicht überraschend. Vor die Wahl gestellt, für Amerika oder Europa Partei zu ergreifen, haben sich in der Vergangenheit noch alle britischen Regierungschefs unabhängig von der politischen Couleur auf die Seite von Uncle Sam geschlagen. Blair macht da keine Ausnahme; ihm eilt in der Irakkrise sogar der Ruf voraus, ein besonders eilfertiger "Pudel" der Amerikaner zu sein.

Das Problem ist allerdings, dass Blair gleichzeitig ein überzeugter, ja führender Europäer sein möchte. Bis zur Wahl Bushs ist ihm dies auch bestens gelungen. Der charismatische Brite gab in vielen Bereichen den Ton an - vom Blair-Schröder-Papier zur Wirtschaftsreform bis hin zum berühmten "dritten Weg", der einen Brückenschlag zwischen US-Kapitalismus und europäischer Sozialdemokratie versprach. Auch bei der EU-Kommission in Brüssel erwarb sich Blair Sympathien. Sein energischer proeuropäischer Kurs und das Versprechen, Großbritannien in die Euro-Zone zu führen, sicherten dem Briten in Brüssel ungeahnten Einfluss.

Doch seit dem Machtwechsel in Washington und erst recht seit dem 11. September spielt Blair die Rolle des Europäers weniger überzeugend. Während die Briten zunehmend "kontinentaleuropäisch" denken - auch auf der Insel lehnt eine Mehrheit einen unilateralen Angriff auf den Irak ab -, versucht der Premier den Spagat zwischen Brüssel und Washington. Blair präsentiert sich als "everybody?s darling", und das kann auf Dauer nicht gut gehen. Schon vor der Irakdebatte geriet er im Streit um den Internationalen Strafgerichtshof zwischen die Fronten. Und in Sachen Irak ist der Premier nicht nur zu Hause in London, sondern auch in Brüssel und Berlin isoliert.

Aus dieser misslichen Lage könnte sich Blair nur dann befreien, wenn ihm der Nachweis gelänge, dass er ein ehrlicher Makler zwischen amerikanischen und europäischen Interessen ist. Doch bisher ist nicht zu erkennen, dass er in irgendeiner Weise Einfluss auf die Entscheidungen in Washington hat. Ohne zu mucken, trägt Blair jeden Schwenk in der amerikanischen Außenpolitik mit - selbst die "Achse des Bösen" hat er im Gegensatz zum britischen EU-Außenkommissar Chris Patten nicht öffentlich kritisiert. Bestenfalls wirkt Blair als amerikanisches Sprachrohr in Europa: Spötter bezeichnen ihn schon lange als besten Außenminister, den die USA je hatten.

Als Vertreter europäischer Interessen in den USA ist der Brite dagegen noch nicht aufgefallen. Das aber wäre nötig, wenn Blair weiter eine Führungsrolle in Europa spielen möchte.

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