"Iraker haben gelernt"
US-Experten warnen vor "blutiger Belagerung Bagdads"

Während Außenminister Fischer in Washington gutes Wetter macht, geht die Diskussion in den USA um einen Irak-Angriff weiter. Fachleute warnen vor den unkalkulierbaren Gefahren eines Krieges.

ap NEW YORK. Außenminister Joschka Fischer bemüht sich nach Kräften, in den USA die Gründe für die deutsche Ablehnung eines Irak-Krieges zu erläutern. Er traf auf seiner dreitägigen Reise seinen Kollegen Colin Powell und dessen Amtsvorgängerin Madeleine Albright. Er argumentierte mit amerikanischen Journalisten, trat bei CNN auf, gab Sendern mit großer Reichweite Interviews. Zugleich tauchten in der US-Presse erste Berichte über die wahre Natur eines möglichen Irak-Krieges auf.

Der auch in den USA populäre Grünen-Minister musste wegen der deutsch-amerikanischen Verstimmungen in Washington mit kleinem Protokoll vorlieb nehmen: Wegen der deutschen Kritik an Interventionsplänen in Irak gab es keinen Empfang im Weißen Haus. Der mit Fischer befreundete Powell gab ihm 45 Minuten seiner Zeit zum Gespräch unter vier Augen. Ob das ausreicht, um für Bundeskanzler Gerhard Schröder den roten Teppich für einen Empfang bei US-Präsident George W. Bush auszurollen, blieb offen.

In Berliner Regierungskreisen schien schon vor Fischers Reise klar, dass mit einem bilateralen Treffen Schröder-Bush auf dem Prager NATO-Gipfel in der zweiten Novemberhälfte nicht mehr zu rechnen sei. Powell blieb vage und sagte, dass die Wiederannäherung "zu gegebener Zeit" erfolgen könne.

Während die US-Diplomatie jeglicher Eile beim Kitten des angeknacksten deutsch-amerikanischen Verhältnisses entsagt, macht das US-Militär richtig Druck, und zwar auf die eigene Öffentlichkeit. US-Wissenschaftler beispielsweise reichen einen Artikel von Barry R. Posen in der "New York Times" von vor einem Monat herum, in dem dieser einen dramatischen Wandel in der Erkenntnis beschreibt, was ein Irak-Krieg bedeutet: Von einer zeitaufwendigen, äußerst kostspieligen und "blutigen Belagerung Bagdads" ist da plötzlich die Rede.

Der Artikel greift das auf dem letzten Golfkrieg fußende Bild einer mit überlegener Technologie geführten Umfassungsschlacht in weiträumigen Wüstengebieten frontal an. Die Iraker hätten aus ihrer vernichtenden Niederlage 1991 gelernt, hieß es. Beim nächsten Waffengang würden sie sich in den Städten verbarrikadieren und das Schicksal der als Schutzschild missbrauchten eigenen Bevölkerung zumindest in der arabischen Welt propagandistisch ausschlachten. Auch die Amerikaner hätten im Vietnam-Krieg ihre Erfahrungen mit Kampf in Städten gemacht, heißt es weiter.

Der Autor verwies auf die Rückeroberung der von zwei nordvietnamesischen Divisionen eingenommenen Stadt Hue. Eine kombinierter Angriff einer ebenso starken Truppe aus Südvietnamesen, Marines und US-Landstreitkräften, jedoch mit weit überlegener Feuerkraft, sei erst nach vier Wochen zum Ziel gekommen. Im Ergebnis seien 600 eigene Soldaten tot gewesen, 3 800 seien verwundet worden und Hue weitgehend zerstört gewesen.

Die "Washington Post" (Donnerstagausgabe) beschrieb ein unter modernster Laserkontrolle ablaufendes zehntägiges Gefechtsmanöver von Spezialisten der 10. Gebirgsdivision aus Wisconsin im Häuserkampf. Am Ende habe eine angreifende Kompanie unter enormen Verlusten ein Postamt erobert, nur um darin beim Gegenangriff praktisch aufgerieben zu werden. Dabei waren die Angreifer laut Bericht nicht irgendwelche Etappenschützen. Das seien gelernte Infanteristen mit Fronterfahrung in Afghanistan gewesen.

Das Massenblatt "USA Today" berichtete von der Städtekampfausbildung mit einem ebenfalls drastischem Manöverbeispiel: Auf einen hochmoderner Abrams-Panzer springt aus Ruinenlöchern eine Gruppe von Angreifern auf und befestigt Sprengstoff oben auf dem Turm. Die Besatzung kann nicht mehr reagieren. "Wenn das Wirklichkeit gewesen wäre, wäre das 70-Tonnen-Ungetüm verloren und die Besatzung tot," hieß es. Denn am Turmoberteil sei die Panzerung am dünnsten.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte der "Washington Post" zufolge Anfang Oktober einen Bericht über die Fähigkeiten der eigenen Truppen im Städtekampf verlangt. Vor zwei Wochen habe der Stab gemeldet, dass 36 Infanteriebataillone oder rund 18 000 Mann - etwa die Hälfte der Infanteriekapazität der Landstreitkräfte - mit sofortigem Intensivtraining im Städtekampf beginnen müsse. Die Ausbildung müsse bis zum Abmarsch in Richtung Irak fortgesetzt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%