Irakische Armee ist verschwunden
Triumphzug der US-Soldaten in Bagdad

Unter dem Jubel Hunderter Einwohner sind US-Truppen am Mittwoch bis in das Zentrum der irakischen Hauptstadt Bagdad vorgestoßen. Bei ihrem Einmarsch aus östlicher, südlicher und westlicher Richtung stießen die Invasionstruppen nur auf sporadischen Widerstand.

Reuters BAGDAD. Die irakische Regierung schien keinerlei Kontrolle mehr über die Metropole zu haben: Ministerien und andere Symbole der Macht von Staatschef Saddam Hussein wurden von Menschenmassen geplündert, in den Straßen waren keine Soldaten oder Polizisten mehr zu sehen. Bewohner der Stadt zertrampelten Porträts Saddams und riefen Slogans wie "Danke Mr. Bush". Am Hotel Palestine, in dem zahlreiche ausländische Journalisten untergebracht sind, waren die staatlichen Aufpasser des Informationsministeriums verschwunden.

US-Panzer beziehen Position im Herzen Bagdads

Am Mittag rückten rund 20 US-Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge unmittelbar in das Zentrum Bagdads ein und besetzten den Tahrir-Platz am Ostufer des Tigris, wie ein Reuters- Korrespondent berichtete. Der Platz mit seinem Befreiungsdenkmal gilt vielen als das eigentliche Herz der Hauptstadt. Tausende US-Soldaten hatten zuvor bereits ohne Widerstand das Armenviertel Saddam-Stadt im Nordosten eingenommen und wurden dabei freudig begrüßt. In Saddam-Stadt leben etwa zwei bis drei Millionen Menschen.

Die aus Osten vorstoßenden Marineinfanteristen passierten das symbolträchtige Märtyrer-Denkmal, etwa drei Kilometer von der strategisch wichtigen Dschumhurija-Brücke über den Tigris im Herzen Bagdads. "Ich glaube nicht, dass ich einen einzigen Schuss gehört habe", sagte Reuters-Korrespondent Sean Maguire, der mit den Einheiten in Saddam-Stadt war. Im Stadtzentrum blieb es nach den Gefechten des Vortags vergleichsweise ruhig, während an der Nordfront von den USA unterstütze kurdische Kämpfer nach eigenen Angaben auf die Ölstadt Mossul vorrückten.

Triumphaler Einmarsch

Das Einrücken der Soldaten am Morgen im Osten der Hauptstadt glich einem Triumphzug: Hunderte Iraker begrüßten die Soldaten mit Jubelrufen und Gesängen. Aus der Menschenmenge wurden Blumen auf die einrückenden Panzer geworfen. Soldaten nahmen die Sträuße auf und rochen unter Jubelrufen daran. "Ist es vorbei?", rief ein Bewohner einer Panzerbesatzung entgegen. "Beinahe",, antwortete ein Marineinfanterist. "Nie wieder Saddam" und "Wir lieben euch, wir lieben euch", skandierte die Menge. "Dieser Mann hat unsere Jugend geraubt und Tausende umgebracht", rief ein Mann, während er mit seinem Schuh auf ein buntes Plakat Saddams einschlug.

Polizei und Armee, die in den vergangenen 24 Jahren die Macht Saddams abgesichert hatten, waren verschwunden. Sichtbarstes Zeichen des Machtverfalls waren zahlreiche Plünderungen. Menschen schleppten alles aus Regierungsgebäuden, was beweglich war: Ventilatoren, Blumenkübel, Möbel und ornamentversehene Vasen wurden weggeschafft. "Danke, Herr Bush", rief einer der Plünderer in eine Fernsehkamera.

"Es sieht so aus, als lägen wir in den letzten Zügen", sagte ein US-Armeesprecher. Selbst Informationsminister Mohammed Said el Sahaf erschien nicht zu seiner täglichen Pressekonferenz, bei der er stets Durchhalteparolen ausgegeben hatte. Ein Sprecher des britischen Premierministers Tony Blair sagte, die Kommando- und Kontrollgewalt der irakischen Führung habe sich offenbar aufgelöst. Allerdings könnten die britisch-amerikanischen Streitkräfte noch mit "erbittertem und heftigem" Widerstand von paramilitärischen Einheiten konfrontiert werden.

US-Präsident Bush zeigte sich ermutigt über die Fortschritte. Auch er warnte aber, der Krieg sei noch nicht vorbei. "So gut die Dinge auch laufen, befinden wir uns immer noch in einer Militäroperation, bei der Menschenleben auf dem Spiel stehen", sagte ein Sprecher. Ein US-Armeesprecher sagte, es sei verfrüht, vom Ende der Schlacht um Bagdad oder gar einem Ende des Krieges zu sprechen. "Es kann noch sehr heftige Kampftage geben, in Bagdad und in anderen Teilen des Landes", sagte Captain Frank Thorp Reuters im Zentralkommando in Katar.

Weiter unklar blieb unterdessen das Schicksal Saddams. Mehrere britische Zeitungen meldeten unter Berufung auf britische Geheimdienstkreise, Saddam habe wohl kurz vor dem gezielten Luftangriff auf ihn am Montag das betroffene Gebäude verlassen. "Wir glauben, dass wir ihn knapp verfehlt haben", zitierte der "Daily Telegraph" Geheimdienstkreise. Die "Times" berichtete ebenfalls unter Berufung auf die Geheimdienste, Saddam habe vermutlich kurz vor dem Bombenangriff den Ort in einem Bagdader Wohngebiet verlassen, möglicherweise durch ein Tunnelsystem. Aus Kreisen des US-Geheimdienstes CIA verlautete, man wisse nicht, ob Saddam die Attacke überlebt habe.

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