Irakisches Militärpotenzial nicht unterschätzen
Israel rechnet mit Verzweiflungstaten Saddams

Ein Krieg gegen den Irak ist unausweichlich. So sieht es jedenfalls der israelische Irak-Experte Amatzia Baram. "In vier bis fünf Jahren ist Saddam Hussein im Besitz einer Atombombe", meint der Leiter des Gustav-Heinemann-Instituts für Mittelost-Studien an der Universität Haifa in einem Gespräch mit dem Handelsblatt.

TEL AVIV. Und wenn Iraks Präsident zusätzlich zu den Arsenalen biologischer und chemischer Waffen auch noch über ein nukleares Potenzial verfüge, werde er noch gefährlicher als heute. Baram hat in den letzten Jahren mehrere westliche Regierungen bei der Formulierung ihrer Nahost-Politik beraten. In den 80-er Jahren war er Berater von Schimon Peres, als der heutige Außenminister Israels Premier war.

Baram sieht Israel freilich in einem Dilemma. Denn seiner Ansicht nach könnte ein US-Angriff auf den Irak Saddam zu einem Schlag gegen Israel verleiten: "Sobald Saddam mit einem Angriff der USA rechnet, wird er uns attackieren". Saddam verfolge ein klares Ziel: Er werde Israel so lange provozieren, bis dieses mit einem Gegenschlag antworte. Baram: "Saddam setzt auf eine massive Antwort Israels, die in Europa und in der arabischen Welt zu einer grenzenlosen Empörung führen soll. Dann werden die USA ihre Angriffspläne gegen den Irak annullieren müssen."

Laut Baram könnte Saddam Hussein Israel beispielsweise durch palästinensische Terroristen herausfordern lassen: Diese könnten in Israels Ballungszentren Erreger von Bubonenpest verbreiten, deren Wirkung gefährlicher sei als der durch Anthrax ausgelöste Milzbrand. Israels Premier Ariel Scharon, so hoffe Saddam Hussein, würde daraufhin mit "bisher unbekannter Brutalität" gegen die Palästinenser vorgehen.

Baram weist darauf hin, dass viele Palästinenser bereit seien, für Saddam zu kämpfen. Sie würden diesen als "Helden" verehren. Gegenwärtig unterstütze kein arabisches Land die Intifada stärker als das Regime im Irak. So würde Bagdad z.B. Familien von palästinensischen Selbstmordattentätern mit 2 500 $ pro Terroranschlag "belohnen".

Baram ist davon überzeugt, dass ein US-Angriff auf Bagdad Saddam zu einer Verzweiflungstat provozieren würde: "Deutsche werden Saddams Mentalität verstehen. Er denkt wie Hitler: Nach mir die Sintflut." Sollte der Diktator keine Überlebenschance für sein Regime mehr sehen, würde er einen israelischen Atomschlag provozieren, indem er Tel Aviv mit Scud-Raketen angreifen ließe. Entsprechende Anweisungen habe Iraks Generalstab bereits während des letzten Golfkrieges 1991 erhalten, erinnert Baram. Und: "Die Raketen in der irakischen Wüste sind nur 300 Kilometer von Israel entfernt stationiert".

Baram glaubt aber auch, dass Saddam vor einem ultimativen Schlag zum Kampf bereit sei. Die meisten Verbände der irakischen Streitkräfte seien zwar schlecht ausgerüstet und deren Soldaten mangelhaft ausgebildet, aber es gebe einen "harten Kern". So dürften die Republikanischen Garden mit ihren 70 000 Soldaten und 800 Panzern auf keinen Fall unterschätzt werden. Gleiches gelte für Saddams Sondereinheiten, die über 40 000 Soldaten verfügen. Baram: "Wenn die USA Bagdad erobern wollen, wird es schwere Kämpfe geben. Aber verhindern kann Saddam die Eroberung von Bagdad nicht".

Eine harte Reaktion der irakischen Nachbarstaaten fürchtet Baram nicht: "Sie werden einen US-Angriff auf den Irak zwar verurteilen, aber sie werden nichts dagegen unternehmen". Andererseits werde Jordanien dem Wunsch Washingtons, als Aufmarschgebiet zu dienen, nicht entsprechen: "König Abdullah wird höchstens einer Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten zustimmen".

Quelle: Handelsblatt

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