Iraks Nachkriegswirtschaft
Einige Gewinner und viele Verlierer

Gelegentlich fallen zwar noch Schüsse, doch Tag für Tag räumen mehr Geschäftsinhaber die Barrikaden vor ihren Läden weg. Auch auf den Straßenmärkten von Bagdad findet man inzwischen wieder fast das gleiche Angebot wie vor dem Krieg. Lastwagen bringen täglich frisches Gemüse vom Land in die Stadt. Als eine saudische Hilfsorganisation vor einer Moschee Kartons mit Reis, Öl und Bohnen verteilt, wundern sich die Iraker. "Das haben wir doch alles zu Hause", sagt ein untersetzter Mann mit Bart.

HB/dpa BAGDAD. Nachdem es in den ersten Tagen nach dem Einmarsch der Amerikaner vor drei Wochen kaum offene Lokale gab, finden die Wagemutigen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straßen von Bagdad wagen, inzwischen sogar wieder Restaurants, in denen sie bis in den späten Abend Kebab essen und Tee trinken können. Einzig die Geheimpolizisten mit den Saddam-Schnäuzern und schwarzen Lederjacken, die früher in jedem besseren Lokal zu finden waren, sind verschwunden.

Für diejenigen Einwohner von Bagdad, die sich nachts nicht vor die Tür trauen, gibt es einen anderen Zeitvertreib: Satellitenfernsehen. Denn da Saddam Hussein seinen Landsleuten den Blick auf die Welt jenseits der irakischen Grenzen durch Reisebeschränkungen und ein Satellitenschüssel-Verbot versperrt hatte, sind die Iraker jetzt im Fernsehfieber. Selbst in den ärmeren Vierteln der irakischen Hauptstadt findet man die großen Schüsseln inzwischen auf einigen Hausdächern. Importiert werden sie vor allem aus Jordanien, Syrien und dem nordirakischen Kurdengebiet.

Ahmed el Maschadini, der in seinem kleinen Laden neben einer Moschee in der Innenstadt 220 $ für eine Sat-Anlage verlangt, ist zufrieden. "Ich mache im Moment sehr gute Geschäfte", sagt er. Offiziell sei die irakisch-syrische Grenze zwar geschlossen. Trotzdem erhalte er aus Syrien derzeit sogar noch mehr Ware als vor dem Krieg, sagt er. Das Wort "Schmuggel" möchte der junge Geschäftsinhaber mit den blauen Plastikschlappen, der auch Windeln, Senf und Putzmittel verkauft, lieber nicht in den Mund nehmen.

Eine Palette Cola kostet bei ihm heute 18 $. Zwei Tage zuvor hatte er die gleiche Ware noch für 13 Dollar angeboten. Das liegt an der Achterbahnfahrt des irakischen Dinar seit dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad. Bekam man für einen Dollar vor einer Woche noch 4000 Dinar, so sind es heute nur noch rund 1750.

Das Auf und Ab ihrer Währung verunsichert die Iraker, von denen einige im "neuen Irak" der Amerikaner schon eine neue Beschäftigung gefunden haben. Ein ehemaliger Seemann hat auf der Straße eine Holzkiste mit einem Bündel Geldscheine aufgebaut. Er ist jetzt Geldwechsler. Direkt neben ihm stehen Männer, die für fünf US-Dollar pro Minute Telefonate mit einem Satellitentelefon anbieten. Denn das staatliche Telefonnetz ist durch die US-Bombenangriffe zerstört worden, und Mobiltelefone waren unter Saddam verboten.

Von den Amerikanern wurden einige der früheren Polizisten wieder zum Dienst gerufen. Doch damit sind nicht alle Iraker einverstanden. "Auch die einfachen Polizisten haben gefoltert und willkürlich jeden auf der Straße gestoppt. Wir haben Angst vor ihnen", sagt Mussa Abdelnabi von der Kommunistischen Partei.

Zu den Verlierern im Nachkriegs-Irak gehören neben den jetzt arbeitslosen Parteibonzen und Geheimdienstmitarbeitern auch die vielen Beamten. Vor dem geplünderten und ausgebrannten Ministerium für Hochschulerziehung treffen sich jeden Morgen Dutzende von ihnen und tragen ihre Namen auf einer Liste ein, in der Hoffnung, dass eines Tages jemand kommt und ihnen eine Aufgabe und ein Gehalt gibt.

Die Arbeiter und Ingenieure im größten Gas- und Elektrizitätswerk haben zwar eine Aufgabe, seitdem das Werk vor einigen Tagen wieder in Betrieb genommen wurde. Geld haben sie jedoch noch keines gesehen. "Die Angestellten bezahlen das Taxi zur Arbeit aus eigener Tasche, damit Bagdad wieder Strom hat", sagt Chefingenieur Dschenan Behnam. Er hofft, dass die Siemens-Ingenieure, die mit der Instandsetzung der nur mit minimaler Kapazität arbeitenden Anlage begonnen hatten, bald zurückkommen. Ob der US-General, dem er nun jeden Morgen über die Lage im E-Werk berichten muss, diesen Wunsch teilt, oder ob demnächst eine amerikanische Firma kommt, weiß Behnam jedoch nicht.

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