Iranische Weblogs: Tratsch, politisch

Iranische Weblogs
Tratsch, politisch

Im Iran boomt die Blogger-Kultur. Mehrere Hunderttausend Weblogs werden bereits in Farsi verfasst, selbst an Koranschulen wird jungen Geistlichen mittlerweile das Bloggen beigebracht. Die Staatsmacht hat sich mit dem bunten Treiben offenbar weitgehend arrangiert und mischt fröhlich mit.

Nicht wenige erhoffen sich vom Internet eine Renaissance der Demokratie. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Howard Rheingold bezeichnete das Netz 1993 als eine „elektronische Agora“, eine digitale Variante des antiken Athener Marktplatzes. Das Web sei „ein Ort, wo die Bürger sich treffen, um miteinander zu reden, zu tratschen und zu streiten, sich gegenseitig herauszufordern und durch Debattieren die Schwächen der anderen im Hinblick auf politische Ideen zu erkennen.“

Rückenwind bekamen solcherlei Hoffnungen Anfang des neuen Jahrtausends, als Weblog-Systeme die Nische der Bastler und Techies verließen und zum Publikationswerkzeug für jedermann mutierten. Rund 60 Millionen Online-Journale zählt die Blog-Suchmaschine Technorati mittlerweile. Von einem großen, demokratiefördernden Diskurs ist allerdings noch nicht viel zu bemerken. Britney Spears, Paris Hilton und der jeweils neueste iPod scheinen auch in der Blogwelt die beliebtesten Gesprächsthemen zu sein. Mit dieser oberflächlichen Sichtweise tut man Blogs jedoch unrecht, denn wie Rheingold richtig bemerkte, ist jeder Marktplatz auch ein Ort des Tratsches. Und: In manchen Regionen dieser Welt ist selbst Tratsch politisch, wie im Iran. „Wenn man über Alkohol, Partys oder Musik bloggt, wird das als politisch betrachtet“, sagt der in Kanada lebende Exil-Iraner Hossein Derakhshan. 2001 stellte Derakhshan eine Blog-Gebrauchsanleitung in persischer Sprache ins Netz und löste so den iranischen Blog-Boom aus.

Mehrere Hunderttausend iranische Weblogs soll es mittlerweile geben. Ein Prozent aller weltweiten Blog-Einträge werden laut Technorati in Farsi verfasst – ebenso viele wie auf Deutsch erscheinen. Nicht nur Regimegegner und Liberale nutzen die Blogs als Meinungsplattform, auch Konservative und regierungsnahe Bürger bloggen, was das Zeug hält. Selbst an Koranschulen werde jungen Geistlichen in Kursen das Bloggen beigebracht. Die meisten Meldungen in westlichen Medien, die verhaftete Blogger betreffen, hält der Regimekritiker Hossein Derakhshan für überzogen. Vielmehr hätte die Staatsmacht sich mit dem bunten Blog-Treiben weitgehend arrangiert und mische fröhlich mit. Selbst Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad betreibt ein eigenes Online Journal.

Bewohner des Iran müssen im Alltag weitgehend ohne kommunikative Marktplätze auskommen. Allerorten wacht die Religionspolizei über die Einhaltung der strengen Sitten. Nirgendwo ist Rheingolds „digitale Agora“ daher notwendiger als dort. Und vielleicht zeigt das Netz ja gerade in diesen Regionen, dass es weit mehr sein kann, als eine Tratschbude.

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