"Irgendwo sitzt ein rosa Riese und reibt sich die Hände"
Ungeliebte Dauersurfer bringen Flatrate-Anbieter in Existenznot

Anbieter so genannter Flatrates liefern sich einen knüppelharten Verdrängungswettbewerb, bei dem auch so mancher Kunde auf der Strecke bleibt.

afp BERLIN. Erste Firmen machten ihre Server bereits nach wenigen Wochen dicht, Intensivnutzern wurde und wird kurzerhand gekündigt. Der Hintergrund ist schnell erklärt: Die meisten Flatrate-Firmen starteten im Juni oder Juli und hatten in den folgenden Ferienwochen viele Zahler, aber nur wenige tatsächliche Surfer im Netz. Inzwischen sind alle Kunden aus dem Urlaub zurück. Sie nutzen das schlechte Wetter, um die Vorzüge der zeitlich unlimitierten Internetnutzung zum Pauschalpreis voll auszukosten. Den Firmen laufen derweil die Kosten davon; erste Pleiten gibt es schon. Nutznießer ist die Telekom-Tochter T-Online.

Pleitewelle erfasst börsennotiertes Unternehmen

Erst am Freitag beantragte die Telekommunikationsfirma Gigabell ein Insolvenzverfahren. Dass damit ein am Neuen Markt der Frankfurter Börse notiertes Unternehmen in den Strudel geriet, markiert einen zusätzlichen Höhepunkt der Pleitewelle. Beim Amtsgericht Bitburg hatte zuvor bereits der Flatrate-Anbieter Surf1 eine vorläufige Insolvenzverwaltung beantragt. Gesperrt wurden mitunter Flatrate-Zugänge, die die Kunden bereits im Voraus pauschal bezahlt hatten. Noch ist offen, ob sie ihr Geld je wiedersehen.

Auch der Flatrate-Anbieter Sonnett griff zu drastischen Maßnahmen. Ein Anmeldestopp für Pauschaltarife und die vorzeitige Vertragskündigung für Intensivnutzer sollen die Firma retten. Dennoch berichten auch Kunden mit geringem Online-Volumen über Probleme, sich überhaupt noch einwählen zu können. Ähnlich sieht es bei der Firma Cisma aus, die keine Flatrates mehr anbietet. Der entsprechende Menüpunkt für eine Online-Anmeldung auf der Website ist gesperrt.

Power-Surfer drängen Anbieter in die roten Zahlen

Nicht wenige Firmen haben sich mit ihrem Pauschalpreis ganz kräftig verkalkuliert. Mehr Kunden als erwartet begnügten sich nicht mit den intern prognostizierten täglich etwa drei Stunden Onlinezeit. Zudem lockte die Flatrate einen Neukundenkreis an, der zuvor nur in Ausnahmefällen zu beobachten war: So genannte Power-Surfer, die ihre Rechner tagsüber nicht mehr aus dem Internet nehmen, stürmten die unter Wettbewerbsdruck immer billigeren Pauschalangebote. Größtes Handicap der Anbieter: Die Kunden nutzen das Telekom-Netz mit, um ins Internet zu gelangen, und dafür hält der Branchenriese die Hand auf. Er verlangt für jede Minute, die der Flatrate-Kunde des Wettbewerbers im Netz verweilt, eine "Interconnection-Gebühr" von etwa 1,72 Pfennig pro Minute.

Bei durchschnittlichen Pauschalpreisen zwischen gut 60 und 80 Mark beginnt so spätestens bei monatlich 60 Online-Stunden eines Kunden für die Anbieter der rote Bereich. Unternehmen, die nicht selbst als Netzdienstleister auftreten und damit zusätzlich Internet-Nutzungsgebühren von drei bis sieben Pfennig pro Minute an große internationale Infrastrukturanbieter sowie Gebühren je nach Download-Volumen zahlen müssen, sitzen noch schneller in der Klemme.

Klagen der Internet-Firmen, bei der Gebührenfestlegung der Deutschen Telekom gehe es nicht mit rechten Dingen zu, haben jetzt die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation auf den Plan gerufen. Sie ermittelt, ob die Telekom der eigenen Tochter T-Online für die Internet-Einwahl über das Telefonnetz weniger berechnet als deren Konkurrenten.

Der rosa Riese als lachender Dritter

T-Online profitiert derzeit gewaltig von den wirtschaftlichen Problemen der übrigen Flatrate-Anbieter. Viele Kunden warten regelrecht auf die Kündigung ihres Anbieters, um vor Ablauf der Vertragsbindung zu den schnelleren T-DSL-Angeboten der Telekom wechseln zu können. Die Tochter des Ex-Monopolisten ist bei Vielsurfern zur heiß begehrten Anlaufstelle geworden. "T-DSL ich komme", schreibt ein Chatter im Online-Forum der Computerfachzeitschrift "c't" (www.heise.de/ct). Mittlerweile gibt es für den pauschal nur 79 Mark teuren Hochgeschwindigkeitszugang T-DSL lange Wartezeiten bis ins nächste Jahr hinein. Ein Chatter namens "SpiritWolf" kommentierte die Pleite der Kleinen hämisch: "Irgendwo in Deutschland sitzt ein rosa Riese und reibt sich die Hände.

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