Islam
Das große Mißverständnis

Es war am dritten Tag nach den Anschlägen vom 11. September als George Bush davon sprach, einen "Kreuzzug" führen zu müssen, um die Welt von dem Bösen zu erlösen. Das falsche Wort war damit in der Welt - und seither arbeitet sich der US-Präsident an seinem Verhältnis zum Islam ab.

Bush besucht Moscheen, spricht mit hohen islamischen Geistlichen und wiederholt ein ums andere Mal den friedlichen Charakter des Islam. Doch es ist nicht diese Korrektur, die bleibt. Es bleibt allein das Wort vom "Kreuzzug".

Mehr noch: Populäre US-Fernsehprediger wie Pat Robertson, Politiker wie Kenneth Adelman, einst Uno-Botschafter unter Ronald Reagan, oder der christliche Fundamentalist aus den Südstaaten, Paul Weyrich, werfen George Bush inzwischen vor, er verharmlose den Islam. "Der Islam führt Krieg gegen uns", empört sich Weyrich - und liegt damit auf einer Linie mit der italienischen Starjournalistin Oriana Fallaci. Allahs Söhne seien eine bärtige Fanatikerhorde, urteilt sie in ihrem Buch-Pamphlet "Die Wut und der Stolz". Wer heute zwischen Islam und Terrorismus unterscheide sei daher nur ein "blöder" Intellektueller, schrieb sie sich nach den Anschlägen ihren Hass von der Seele.

Irgendwo dort, zwischen Kreuzzug und Integration, bewegt sich seither die US-Politik. Doch da sie sich nicht eindeutig definiert, schwimmt sie. So wie in Saudi-Arabien: Waren dort die amerikanischen Truppen nach der Invasion von Kuwait als Beschützer willkommen, sind sie zwölf Jahre später als Fremdkörper nahezu verhasst. Statt ihre Einheiten nach ein paar Jahren wieder abzuziehen, haben sich die USA dauerhaft in Saudi-Arabien eingerichtet. Warum? Weil die Supermacht glaubt, nur mit ihrer Präsenz den anti-amerikanischen Terrorismus bekämpfen zu können. Dass aber womöglich gerade die Anwesenheit der GI's am Golf den Anti-Amerikanismus befördert - diesen Widerspruch übersehen die Strategen in Washington.

Wer den Terror mit dem Islam gleichsetzt begeht indes einen schweren Fehler. Denn wer den Feind danach definiert was er ist, und nicht was er faktisch tut, der nimmt ganze Religionsgemeinschaften in Kollektivhaftung. So wundern sich die USA, dass ihr Favorit in der islamischen Welt, die säkulare Türkei, wenig Neigung für einen Irak-Krieg zeigt. Warum? Weil sich auch die moslemischen Türken - zumindest indirekt - von einem Amerika bedroht fühlen, das sich kaum die Mühe der Unterscheidung macht. Und: Warum bauen die Saudis, die Ägypter, die Pakistanis ihre Staaten nicht nach dem türkischen Vorbild um? Weil sie sich gegen den westlichen Anpassungsdruck stemmen, dem sie selbst, aber eben auch eine Türkei, täglich ausgesetzt sind - und den sie für die eigene Misere verantwortlich machen.

Aus westlicher Perspektive sind die arabischen Länder rückständig, etwa auf den Feldern Demokratie, Menschenrechte und Wirtschaftsentwicklung. Aus Sicht der moslemischen Welt ist die Defizitliste des Westens lang: Sie beginnt beim Werteverfall und endet beim Hegemoniestreben. Aber vor allem: Gesellschaften, die Staat und Religion trennen, können für sie keine Vorbilder sein. Das ist der eigentliche, der große Unterschied zwischen dem Westen und dem Islam.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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